Gewittervorschau 21.-26.06.2022

Der berüchtigte Hagelzug, der am 20.06.2021 fast durch die ganze Schweiz zog, hier südlich von Bern

Nachdem am Wochenende der bisherige Hitzerekord für Juni von 36.9 °C egalisiert wurde (allerdings acht Tage früher als damals 1947), sorgt jetzt eine Anfeuchtung der Luftmasse für zwar etwas niedrigere Tageshöchstwerte, dafür steigt der Schwülefaktor und Restwolken von Gewittern verhindern die nächtliche Abkühlung. Wirklich angenehmer wird es also nicht und mit der zunehmenden Feuchte steigt auch das Risiko von heftigen Gewittern, die anders als noch am Sonntag und Montag auch vermehrt das Flachland betreffen werden. Wann dieses Saunawetter ein Ende haben wird, ist derzeit noch nicht ganz sicher. Am wahrscheinlichsten ist aus heutiger Sicht ein Kaltfrontdurchgang am Freitag oder Samstag. So einen hätte es allerdings bereits letzten Sonntag geben sollen, gekommen ist er am Montagabend ganz seicht und fast unbemerkt, weil trocken und eigentlich nur an der Winddrehung auf Nordwest und einem leichten Temperaturrückgang in der Nordschweiz feststellbar. Es wäre also nicht überraschend, wenn auch die nächste Abkühlung bis zum Wochenende noch verschoben wird. Bis dahin ist weiterhin schwitzen angesagt.

Die grossräumige Wetterlage präsentiert sich heute Dienstag wie folgt:

Wir sehen eine weit nach Norden verschobene atlantische Westwindzone, deren Austrogung über Nordost-Mitteleuropa nur marginalen Einfluss auf unser Wetter hat. Vielmehr für uns bestimmend ist das Höhentief vor Portugal, das sich dort hartnäckig seit einer Woche hält und beständig mal mehr, mal weniger feuchte Subtropikluft aus süd-südwestlicher Richtung zu den Alpen schaufelt. Diese Lage bleibt mit nur unwesentlichen Änderungen bis mindestens Donnerstag bestehen.

Leider bieten uns auch heute die bereits während der ganzen bisherigen Saison unstetigen Modelle mehr Rätsel als Lösungen an. Während Arome und Cosmo für Dienstagabend recht konstant zwei Gewitterzüge auf der Jura- und der Voralpenschiene präsentieren, hüpft ICON-D2 hin und her und ist aktuell wieder der Meinung, dass in weiten Teilen der Schweiz gar nichts passiert – ausser einem kleinen Cluster ziemlich tief in den Alpen drin. In der Tat ist es möglich, dass die heute Mittag in Juranähe durchziehenden Schauer (es sind Reste von morgendlichen Gewittern in Frankreich) der Atmosphäre den nötigen Saft rausnehmen, darauf verlassen sollte man sich aber nicht. Warm und feucht genug ist die Luftmasse, und wenn am Nachmittag die Sonne noch genügend aufheizt, ist die Suppe rasch aufgekocht. Zudem besteht durch die starke Windzunahme in der Höhe ein Potenzial für mittelgrossen Hagel. Die recht schnell ziehenden Gewitter dürften zudem für Sturmböen sorgen. Dieses Szenario ist zumindest für mich das plausiblere, wobei ich das Potenzial für Unwetter am ehesten in Voralpennähe bzw. im südlichen Mittelland sehe.

Der Mittwoch zeigt sich eher durchzogen und wird daher mit nur wenig über 25 Grad wohl der „kühlste“ Tag der Woche. Am Morgen zieht ein massiveres Feuchtepaket mit Regen und eingelagerten Gewittern von Südwest nach Nordost und wird wohl weite Teile der Alpennordseite mal etwas bewässern. Am frühen Nachmittag soll es aber aufreissen und so kann die Sonne die abgelagerte Feuchtigkeit gleich wieder in die Atmosphäre hochsaugen, erneute Gewitterentwicklungen werden also nicht ausbleiben. Da die Modelle für einmal recht einig sind, sei die mögliche Verteilung hier gezeigt:

Das sieht aufgrund der tageszeitlichen Vorgeschichte und weil der Höhenwind deutlich abschwächt eher nach gemässigten Gewittern denn nach Unwettern aus, Vorsicht ist allerdings trotzdem angebracht.

Am Donnerstag ist die Lage unverändert mit dem kleinen Unterschied, dass die Luftmasse wieder etwas wärmer und somit energiereicher wird. Wahrscheinlich hängen am Morgen noch Reste der Gewitter vom Vorabend herum bzw. ziehen allmählich nach Osten ab, danach wird es tagsüber recht sonnig und drückend schwül bei Höchstwerten um 30 Grad. Der Höhenwind steilt etwas auf und somit werden Gewitter aus den Alpen ins Mittelland hinaus ziehen. Wie produktiv auch der Jura für die Region Basel sein wird, ist noch unsicher: Bekanntlich ist das Feuchteangebot des Bodens dort derzeit äusserst bescheiden und inwiefern sich das in den nächsten Tagen ändert, ist noch offen.

Am Freitag gibt es eine nicht unwesentliche Änderung der Wetterlage:

Das alte Höhentief über der Biskaya wird von einem neuen Trog über der Irischen See einverleibt, aus dem bisherigen Trog Westeuropa wird ein Tief Britische Inseln. Das Ganze bringt etwas Schwung in die festgefahrene Lage, wahrscheinlich aber auch nur, um die nächste festgefahrene Situation einzuleiten – man beachte das blockierende Hoch über Osteuropa… Das Problem bei dieser Wetterlage: Recht zuverlässig stellt sich eine markante Luftmassengrenze irgendwo über Frankreich oder der Schweiz und Westdeutschland ein – man weiss leider nur nicht wo genau und wenige 100 km können zwischen Hitze und Kühle entscheiden. Entsprechend tischen die Modelle auch allerlei Lösungen auf: Die aktuell wahrscheinlichste Variante ist ein Kaltfrontdurchgang am Freitag mit viel (gewittrigem) Regen und deutlicher Abkühlung. Es gibt aber auch Rechnungen, die uns auf der schwülen Vorderseite mit hohem Unwetterpotenzial belassen und die Südströmung am Wochenende noch mal verstärken, es stünde also die nächste Hitzeschlacht an, Föhneinschübe inklusive. Es ist müssig, weiter darüber zu spekulieren und so verweise ich einmal mehr auf die kurzfristigen Aktualisierungen des Wetterberichts auf meteoradar.ch

Zum Schluss noch etwas in eigener Sache: Mit diesem 142. Beitrag im Wetterblog von meteoradar ist es für mich Zeit, Abschied zu nehmen; in Zukunft übernimmt das Team von Meteotest. Ich möchte an dieser Stelle der Leserschaft für elf Jahre Treue und die vielen wohlwollenden Kommentare danken. Ein ganz besonderer Dank geht an den Gründer und bisherigen Geschäftsführer von meteoradar, Willi Schmid, der mit seinen Aufträgen und der Vermittlung von weiteren Kunden einen wichtigen Anteil zu meiner Selbstständigkeit als Meteorologin beigetragen hat. Ich wünsche ihm von Herzen alles Gute für seinen wohlverdienten Ruhestand, vor allem beste Gesundheit und viel Musse, um seiner Passion – der Fotografie – noch möglichst lange frönen zu können.

Gewittervorschau Pfingsten 2022

Das Potenzial für mittelgrossen Hagel ist an diesem Pfingstwochenende gegeben

Das Wetter an Pfingsten macht seltsamerweise weniger Schlagzeilen als etwa jenes an Weihnachten oder Ostern – vielleicht weil mit diesem Fest einfach weniger Bräuche verbunden sind, für die unbedingt das Wetter für passende Stimmung zu sorgen hat. Dabei ist es nicht weniger interessant: Blicke ich bis in meine Jugend zurück, dann kommen unzählige Erinnerungen an völlig verschiffte Pfingsten auf. Alle, die in irgend einer Form an den jährlichen Pfingstlagern teilgenommen haben oder Eltern von solchen Kindern und Jugendlichen sind, können wahrscheinlich Anekdoten über Schlammschlachten in den Zeltlagern zum Besten geben. Egal ob mit Eisheiligen oder Schafskälte verbunden oder mit der ersten hochsommerlichen Gewitterlage – nass ist es eigentlich fast immer an mindestens einem der drei Tage dieses verlängerten Wochenendes. Das soll auch im Jahr 2022 nicht anders sein, schliesslich ist Frühsommer, die niederschlagsreichste Jahreszeit in unseren Gefilden.

Blicken wir zunächst auf die grossräumige Ausgangslage:

Wir befinden uns im Übergang zwischen einer zyklonalen Westlage (beeinflusst durch den Tiefdruckkomplex über Nordeuropa) zu einer Südlage (beeinflusst durch den Trog über Westeuropa). Wir sehen eine antizyklonal gekrümmte südwestliche Höhenströmung über dem Alpenraum. Da diese jedoch nur vorübergehender Natur ist, reicht es nicht für die Kategorisierung einer GWL Südwest antizyklonal, da eine Grosswetterlage mindestens drei Tage dauern muss. Für Freitag und Samstag ist aber der Wettercharakter ähnlich einer SWa-Lage. Darin eingelagert sehen wir in rötlichen Tönen ein Hebungsgebiet, das im Lauf des Freitagnachmittags über die Schweiz zieht. Diese Randstörung ist einer der Gründe, die für unwetterartige Entwicklungen spricht, der zweite ist die energiereiche Luftmasse, warm und vor allem feucht. Und der dritte im Bunde ist die starke Scherung (Richtungswechsel des Windes von Süd/Südost am Boden zu Südwest in der Höhe einerseits und starke Windzunahme in der Höhe andererseits), die für langlebige Gewitter inkl. Superzellen spricht:

Quelle: meteociel.fr, Modell Arome 03.06.2022 00z, Gitterpunkt zentrales Mittelland für Freitag 17 Uhr MESZ

Es gibt aber auch hemmende Faktoren: Trockenere Luftschichten in rund 1500 m als Folge von leichtem Föhneinfluss und vor allem oberhalb von 6000 m. Entsprechend tun sich die Modelle schwer und zeigen mit jedem Lauf eine völlig andere Variante. Wenig Verständnis bei dieser Lage habe ich für jene Rechnungen, die starke Entwicklungen aus den zentralen Alpen heraus nach Nordosten sehen. Da sind aus Erfahrung jene Varianten mit Entwicklungen im Jura, westlichen Mittelland und den westlichen Voralpen plausibler, die nach Nordosten ziehen und dann stellt sich die Frage: Wie weit kommen sie? Bei stärkerem Föhn würde ich sagen: Die gehen irgendwo im östlichen Mittelland ein, doch heute scheint der Föhn zu schwach um dort die Luftmasse genug auszutrocknen. Also dürfte die Konvergenz zwischen Föhn und Südwestwind an den östlichen Voralpen die Sache wohl eher noch verstärken. Das grösste Potenzial für Unwetter mit Sturmböen und mittelgrossem Hagel ist somit wohl nebst der Juraschiene und den westlichen Voralpen bis zum Napfgebiet vor allem in der Nordostschweiz vorhanden. Am Abend soll es sich rasch beruhigen, allerdings können in der Nacht noch Gewitterreste aus Frankreich durchziehen.

Am Samstag sieht die Sache relativ entspannt aus: Der Höhenrücken verstärkt sich noch mal, und ohne Randstörung fällt auch der wichtigste Trigger weg. Meist ist es sonnig, auch wenn Schleierwolken mit etwas Saharastaub nicht gerade einen blankgeputzen Himmel erwarten lassen. Allenfalls können in den Bergen durch orographische Effekte einzelne kurze Schauer und Gewitter entstehen, aber selbst das ist nicht sicher.

Am Sonntag zieht das Tief über Westeuropa über die BeNeLux-Staaten hinweg nach Nordosten, der Höhenrücken über den Alpen wird etwas nach Osten abgedrängt und bereits um die Mittagszeit steht die Kaltfront des Tiefs am Jura:

Das riecht nach Joran und stablisierendem Nordwestwind im Mittelland. Dieser Wind drückt allerdings die noch vorhandene schwüle Luftmasse an den Voralpen nach oben und dürfte somit verbreitet Gewitter am gesamten Alpennordhang auslösen. Da der Höhenwind immer noch aus Südwest weht, können somit auf immer derselben Zugbahn mehrere Gewitter dieselben Regionen treffen. Nebst Hagel ist dann auch der wiederholte Starkregen ein Problem, vor allem in den östlichen Voralpen. Der aus Westen steigende Bodendruck sollte hingegen die Lage in der westlichen Landeshälfte rasch beruhigen.

Am Montag bleibt die Luftmassengrenze in den unteren Luftschichten an den Alpen stehen. Weil aber gleichzeitig die Höhenkaltluft im Nordwesten nicht näher rücken soll, ist die Labilität nur noch mässig. Will heissen: Dort, wo noch schwüle Luftmassen lagern (also inneralpin und im Süden) können noch mal Gewitter entstehen, auf der Alpennordseite sollte sich die Aktivität mit gemässigten Schauern in Grenzen halten. Da das mit der Luftmassengrenze aber auf Kante genäht ist und man nie genau weiss, ob CutOff-Tiefs es sich nicht plötzlich bezüglich der Zugbahn noch anders überlegen, kann sich die Sache bis in drei Tagen auch noch etwas anders entwickeln. Man muss die Lage also im Auge behalten.

Bis zur Wochenmitte schwenkt dann die Kaltluft dieses Tiefs über uns hinweg und sorgt für eine „Schafskälte light“ mit unbeständigem Schauerwetter. Am Donnerstag und Freitag soll sich allmählich wieder mehr Hochdruckeinfluss bei gemässigten Sommertemperaturen durchsetzen. Und weil es im Frühsommer eigentlich fast nie lange stabil bleiben kann, ist die nächste Gewitterlage genau aufs Wochenende recht wahrscheinlich. Also auch wenn Pfingsten in diesem Jahr eine Woche später wäre: Die Schütte wäre dennoch vorprogrammiert.

Gewittervorschau 19.-23.05.2022

Ähnlich warm und gewitteranfällig war es gegen Ende Mai 2018

Von einem Extrem ins andere – vergleicht man das Wetter vor genau einem Jahr und heute ist das wie Winter und Sommer… die Wundertüte Mai kann eben alles. Zehn bis zwölf Grad beträgt die Differenz beim Tagesmittel und noch grösser ist sie bei den Tageshöchsttemperaturen aufgrund der nass-kalten Witterung vor einem Jahr. Normal ist beides nicht, doch während wir vor einem Jahr fast 10 Grad über dem Minusrekord der Messreihen lagen, werden dieses Jahr die Maximumrekorde geritzt und vermutlich am Freitag sogar übertroffen. So viel zur Einordnung der aktuellen Lage in Sachen Temperaturen, womit wir uns nun ums Eingemachte kümmern können, nämlich um das was in den nächsten Tagen von oben fallen soll.

Viel aktiver und vor allem etliche Stunden früher dran als modelliert ist die Gewitteraktivität heute Donnerstag. Diesen Umstand muss man schon mal im Hinterkopf haben, wenn man die Modelle in den nächsten Tagen konsultiert. Neigen viele Modelle sonst eher zur Übertreibung, haben sie diesmal ein Problem in die andere Richtung. Der Grund dafür ist leider nicht klar, ich vermute einen Mangel an „Erfahrung“ mit vergleichbaren Lagen zu dieser Jahreszeit, eben weil wir uns am obersten Rand der Klimatologie bewegen. Heute liegen wir noch in einer antizyklonalen Südwestlage, das ändert sich in der Nacht zum Samstag mit dem Durchzug eines Randtiefs und Drehung der Höhenströmung auf West:

Interessant ist auch das Tief vor Portugal, das aus einer Austrogung über dem Atlantik entstanden ist und in Marokko ganz tief Luft holt – sprich: viel Staub aufwirbelt – wie wir das aus diesem Frühling bereits zur Genüge kennen. Seine Wiedereingliederung in die Frontalzone anfangs nächster Woche gleicht einer modellarischen Lotterie, weshalb die Entwicklung nur bis Samstag einigermassen gesichert ist. Das Potenzial am Sonntag und Montag soll aber zum Schluss noch zur Sprache kommen.

Am Freitag schützt uns zunächst noch ein Höhenrücken mit etwas wärmerer Luft in der Höhe, was die Labilität senkt. Gleichzeitig ist die Luft auch in tieferen Schichten trocken und vor allem sehr warm:
Das reicht in den tiefsten Lagen der Schweiz für 32-33 Grad, sofern die Sonne voll durchheizen kann. Zwar werden nur wenige hohe Wolken modelliert, allerdings ist etwas Saharastaub im Spiel: Nicht in so extremen Mengen wie wir das in den letzten Wochen bereits mehrmals hatten, aber vielleicht doch ausreichend, um die hohe Bewölkung etwas anzureichern. Auf der anderen Seite ist noch schwacher Föhn im Spiel, der Geheimtipp für die höchsten Temperaturen liegt also irgendwo zwischen Chur und Vaduz, und falls der Südwestwind gut durchgreifen kann in Basel. Gewitteraktivität wird nur wenig und vor allem erst am späten Abend in den zentralen Voralpen modelliert, bei solchen Lagen ist aber der Jura immer für eine Überraschung am Nachmittag gut – Nowcasting ist angesagt.

Nach der aktuellen Modelllage soll am frühen Samstagmorgen eine Kaltfront die Nordschweiz streifen. Das ist aber wie so oft eine fragwürdige Sache, weil die Front ins hohe Geopotenzial reinläuft und somit an Aktivität verliert. Was am Freitagabend bei unseren nördlichen Nachbarn vermutlich vebreitet für Unwetter sorgt, kommt nur abgeschwächt zu uns. Derzeit sieht es nach etwas gewittrig durchsetztem Regen aus, der relativ rasch zieht und auch stürmische Böen bringt. Es bleibt aber abzuwarten, ob sich in dem Randtief am Freitag nicht noch eine gewisse Eigendynamik entwickelt – bei dieser Luftmasse kann man nie wissen und wie schlecht die Modelle das derzeit im Griff haben, hat sich heute Donnerstag gezeigt.

Der Samstag sollte in den meisten Landesteilen dank Hochdruckeinfluss ruhig bleiben:
Man erkennt hier aber auch, dass die feucht-warme Luftmasse in den Alpen nicht ausgeräumt wird. Die Lage ist vermutlich zu stark gedeckelt, aber sollte es aufgrund von lokalen Konvergenzen irgendwo im Gebirge auslösen können, kann ein einzelnes lokales Gewitter durchaus heftig werden. Auch da ist also den trocken rechnenden Modellen gegenüber vielleicht eine gesunde Skepsis angebracht.

Ab Sonntag wird’s dann wild in Modellwelt: Während das amerikanische Modell nach wie vor den Höhenrücken über den Alpen zeigt, der so ziemlich jede Entwicklung unterdrücken soll, gehen das europäische und das deutsche Modell auf tutti. Schuld ist das eingangs erwähnte CutOff-Tief, das sich von Südwesten nähert. Ob das mit schweren Gewittern einhergeht oder es einfach mal ordentlich regnet und dann rasch abkühlt, kann man aufgrund der Unsicherheit bezüglich Zugbahn und -geschwindigkeit des Tiefs noch nicht sagen, man sollte aber auf alles gefasst sein. GFS zeigt das Unwetterpotenzial einen Tag später, also am Montag, aber aufgrund der längeren Aufheizphase davor umso heftiger.

Sturmvorschau 7.-10.04.2022… der letzte Wintersturm der Saison?

In den letzten Jahren zog der letzte Wintersturm in der Regel im März auf, oft schon Ende Februar. Mit dem vollständig hochdruckdominierten März dachte man bereits, der Winter hätte dieses Jahr früh aufgegeben, doch die Wundertüte April lehrt uns wieder mal etwas Anderes. Auch wenn Sturmlagen im April selten sind, auftreten tun sie hin und wieder mal – vielleicht erst recht wenn der März sehr ruhig war. Und wie uns das letzte Jahr gezeigt hat, ist man selbst im Mai noch nicht völlig davor gefeit, daher hat das Fragezeichen im Titel durchaus seine Berechtigung.

„Wintersturm“ nennen wir ihn deshalb, weil die Kriterien für eine südliche Westlage (Ws) offenbar knapp erfüllt werden: Kern des steuernden Tiefs südlich von 60 Grad Nord, zeitweise 1015 hPa-Isobare südlich der Pyrenäen. Diese Wetterlage tritt vorzugsweise im Winterhalbjahr auf, vor allem von Dezember bis März. Wie wir im Titelbild sehen (klick ins Bild öffnet grössere Ansicht), zielt eine starke Westströmung direkt vom Nordatlantik auf das südliche Mitteleuropa, darin befinden sich in der Frontalzone eingelagerte Randtiefs – ebenfalls eine typische Erscheinung südlicher Westlagen:

Die Luftmassengrenze befindet sich am Freitag noch über Süddeutschland, das soll sich aber am Wochenende ändern: Schnee bis in die Niederungen ist noch einmal möglich, daher passt die Bezeichnung „Wintersturm“ auch in dieser Hinsicht. Ob es allerdings noch mal zu solchen Schneemengen reicht wie am vergangenen Wochenende, hängt davon ab, wie lange die Feuchtigkeitszufuhr anhält. Vermutlich wird es mit Schauern nur strichweise zu stärkeren Schneefällen bzw. Graupel im Flachland kommen. In den Tälern am Alpennordhang und erst recht in Lagen oberhalb 800 m ist ein neuerliches Einwintern aber so gut wie sicher. Erwähnenswert ist auch noch mal die Gefahr von schädlichem Frost, falls es in der Nacht zum Sonntag bereits länger aufklart. Auch die Nacht zum Montag ist diesbezüglich noch nicht ganz sicher: Obwohl bereits im Lauf des Sonntagnachmittags in der Höhe wärmere Luftmassen aufziehen sollen, kann sich am Boden in der Nacht noch eine kalte Schicht halten.

Doch wenden wir uns noch dem eigentlichen Sturmereignis zu: Bereits in der Nacht zum Donnerstag zieht der Wind in der Höhe markant an und erreicht auf den Bergen Sturmstärke. Im Lauf des Donnerstags treten stürmische Böen zunehmend auch im Flachland auf. Ein erster Höhepunkt ist am Donnerstagabend zu erwarten:

Böen von 60 bis 75 km/h sind im Flachland verbreitet möglich, bereits in leicht erhöhten Lagen ist es deutlich mehr. Das ist verglichen mit einem echten Wintersturm relativ harmlos, man muss jedoch bedenken dass bereits viele Bäume belaubt sind oder in Blüte stehen und so mehr Angriffsfläche bieten. Vermutlich ist es damit aber noch nicht getan, denn eine zweite Sturmwelle wird irgendwann zwischen Freitagnachmittag und frühem Samstagmorgen erwartet. Hoch aufgelöste Modelle gibt es für diesen Zeitraum noch nicht, dieses Beispiel zeigt aber, wie hoch das Potenzial liegt:

Das englische Modell rechnet mit über 100 km/h sogar in noch grösserer Fläche, man muss das also im Auge behalten. Im Kurzwetterbericht über dem Radarbild von meteoradar.ch informieren wir Sie zeitnah über die zu erwartende Sturmstärke. Sie ist vor allem abhängig vom Kerndruck und der Zugbahn sowie -geschwindigkeit der Randtiefs, auch deren genauer Zeitpunkt lässt sich oft erst etwa 12 Stunden vor dem Ereignis einschätzen.

Zum Schluss sei noch ein Ausblick auf den Wochenbeginn gewagt. Wenn alles zusammenpasst, werden wir innerhalb von zwei Tagen direkt vom Spätwinter in den Frühsommer katapultiert, denn es steht die nächste Südlage an:

Wie man sieht, sind sich die Modelle noch nicht ganz einig, wie weit die Warmluft nach Osten vorankommt. Nach den wärmsten Rechnungen sind aber Temperaturen über 20 Grad verbreitet möglich. Da allerdings auch wieder mit einer ordentlichen Packung Saharastaub zu rechnen ist, der die hohen Wolken verdichten kann, steht das alles noch auf wackligen Beinen. Die Rechnung des europäischen Modells läuft sogar auf einen veritablen Föhnsturm in den Alpen hinaus. Man darf also gespannt sein, welche Überraschungen dieser April noch aus dem Ärmel schüttelt…

Sturmvorschau 28.-30.12.2021 und ein warmer Jahreswechsel

So wie Ende Januar 2021 im Worbletal sieht es bald wieder vielerorts aus

Wetter wiederholt sich nicht? Wenn man das Wetterjahr 2021 gedanklich an einem vorbeiziehen lässt, ist dieser etwas banale Meteorologenspruch rasch widerlegt. Die kommende Wetterlage mit Spülwaschgang bis fast ins Hochgebirge gleicht ziemlich stark jener von Ende Januar 2021. Auch damals hielt sich eine Schneedecke zumindest regional im Flachland fast den ganzen Monat und blieb nach wenigen Tagen Dauerregen als Seen in den Feldern liegen. Überhaupt war 2021 geprägt von extrem launigen Wetterphasen, wo das Wasser immer in kurzer Zeit in viel zu grossen Mengen kam, um dann wieder wochenlang auszubleiben. Ebenso verhält es sich mit der Temperatur – entweder viel zu warm oder viel zu kühl, so etwas wie „normales Wetter“ gab es in diesem Jahr selten. Diesem Motto bleibt sich 2021 bis zum allerletzten Tag treu.

Die Ausgangslage präsentiert sich heute Dienstag wie folgt:

Seit Tagen zieht in einer leicht wellenden Westströmung – wie so oft angetrieben durch einen Ausbruch polarer Kaltluft über Neufundland auf den Atlantik – ein Tief nach dem anderen über Mitteleuropa hinweg. Vor Portugal ist bereits ein Wellenberg zu erkennen, der sich zum Jahresende zu uns verlagert, die damit einhergehende Südwestströmung bringt uns einen Hauch Karibikfeeling, doch dazu später.

Nach dem Durchzug eines kompakten Regengebietes in den frühen Morgenstunden ist der Rest des Dienstags durch schauerartige Niederschläge geprägt, dazwischen hellt es allerdings höchstens ganz kurz mal auf. Auffälligstes Wetterelement ist heute der Südwestwind, der in erhöhten Lagen bereits stark bläst und lokal schon in den frühen Morgenstunden zweistellige Pluswerte bringt. Die Schneefallgrenze steigt entsprechend vorübergehend bis gegen 2000 Meter an, erst am Abend folgt wieder eine etwas kühlere Luftmasse, welche die Schneefallgrenze zumindest in der Nordschweiz wieder auf 1000 m sinkend lässt. Mit der Kaltfront und Winddrehung auf West treten am frühen Abend die stärksten Böen auf. Sie können auch im Flachland – bevorzugt in exponierten Lagen und dort, wo der Wind schön kanalisiert wird wie etwa dem Hochrhein entlang und am Bodensee – Sturmstärke erreichen:

Am Mittwoch geht es zwar windig weiter, mit Sturmböen ist allerdings nur noch in höheren Lagen zu rechnen. Stattdessen wird der Regen das Hauptthema, denn mit Drehung des Höhenwindes auf nordwestliche Richtung stellen sich die Alpen den permanent heranbrausenden Regenwolken geradezu wie eine Staumauer in den Weg. Gezeigt werden hier die kumulierten Niederschlagsmengen seit Dienstag 01:00 Uhr MEZ bis Donnerstagmorgen:

Kommt hinzu, dass die Schneefallgrenze im Lauf des Donnerstags wieder allmählich ansteigt und bis der Niederschlag aufhört etwa 2500 m erreicht. Das wird interessant, weil am Alpennordhang in 1800 m Höhe noch rund 1.5 Meter Schnee liegt, von ursprünglich 2 Meter schön kompaktiert durch die höhenwarme Hochdrucklage vor Weihnachten. Als Beispiel sei hier eine Schneemessstation in den zentralen Voralpen verlinkt: SLF Schönbüel, 1777 m

Die Frage ist nun, wie viel Regen die Schneedecke noch aufzusaugen vermag, bevor der ganz grosse Schmelzprozess in Gang kommt. Da unterhalb von rund 1200 m bereits über die Weihnachtstage viel weggespült wurde, ist immerhin von dort unten nicht noch viel zusätzliches Schmelzwasser zu erwarten, allerdings gelangt hier der gesamte Niederschlag ohne Verzögerung in die Bäche und Flüsse. Kurzum: Die hydrologischen Modelle dürften mit dieser Ausgangslage viel schwierigere Bedingungen zur Berechnung einer Hochwasserwelle vorfinden als etwa beim letzten Ereignis im Sommer. Die gute Nachricht: Im Lauf des Donnerstags setzt sich das eingangs erwähnte Hochdruckgebiet durch und es ist dann erst mal für ein paar Tage trocken, sodass sich die Lage rasch wieder entspannen kann.

Eine antizyklonale Südwestlage zu Silvester bringt zu dieser Jahreszeit die wärmstmögliche Luftmasse direkt aus der Karibik zu uns. Das hier sind die berechneten Temperaturen – in rund 1500 Meter Höhe wohlverstanden:

Wegen fehlender Durchmischung wird sich das allerings kaum bis ins Flachland auswirken, die Auskühlung in den derzeit sehr langen Nächten ist einfach zu stark und dann bildet sich rasch eine Inversion. Die höchsten Temperaturen dürften im Jura auftreten, wo der Südwestwind noch am ehesten greift. Sollte er es bis in die Täler schaffen, so sind theoretisch lokal Höchstwerte über 20 Grad möglich.

In diesem Sinne: Allen einen wohligen Rutsch ins Neue Jahr!

20 Jahre Sturmforum

Kein Winterbild, sondern entlaubte Bäume nach dem Hagelsturm in Reichenburg, 25.7.2021. Aufnahme: Bernhard Oker

Am 16. August 2001 wurde das Schweizer Sturmforum (sturmforum.ch) mit dieser Ankündigung online gestellt:

„Endlich ist es da, das neue Diskussionsforum für Tornados, Wasserhosen, Sturmböen im Sommer, Winterstürme, Gewitter, Hagel, Unwetter, Extrem-Winde in den Bergen usf. usf. usf.“

Wer hätte damals gedacht, dass das Sturmforum die folgenden 20 Jahre, inmitten der Neuerungen, Wirrungen und Irrungen des World Wide Web, überdauert und auch heute in alter Frische von interessierten Usern intensiv genutzt wird, wenn es draussen stürmisch zu und hergeht?

Nach der Gründung gedieh das Forum prächtig. Bereits am 3. November 2001 kam es zum ersten Forumtreffen bei Meteotest in Bern, mit Präsentationen und gemütlichem Beisammensein. Diese Treffen wiederholten sich in unregelmässigen Zeitabständen und waren oft, aber nicht immer mit einer Besichtigung einer namhaften Wetter-Institution verbunden. Das letzte geplante Treffen musste leider aufs Eis gelegt werden, Viren statt Bierchen sei Dank.

Ein erstes prägendes Ereignis war der Hagelsturm vom 24.6.2002, welcher, auf seinem nächtlichen Saubannerzug durch die Kantone Aargau und Zürich viele Betroffene aus dem Schlaf riss, Löcher in Garagentore schlug und eine Spur der Verwüstung in Wäldern und an Gebäuden hinter sich liess. 252 Beiträge wurden im Forum zu diesem Sturm verfasst, diese wurden insgesamt knapp 22’000 Mal gelesen. Weitere grosse Gewitterstürme folgten fast Jahr für Jahr: 8.5.2003, 8.7.2004, 18.7.2005, 26.5.2009, 23.7.2009, 12./13.7.2011, 1.7.2012, 18.6.2013, 20.6.2013, … und natürlich gleich im Multipack dieses Jahr: 18.6., 20.6., 21.6., 23.6., 28.6., 13.7., 24.7 und 25.7. Über all diese Stürme, und über viele weitere Ereignisse, grosse und kleinere, im Sommer und im Winter wird spontan und ausgiebig berichtet. Prognosen werden kontrovers interpretiert, auf Laienfragen wird Antwort gegeben, und die Sturmjäger, aber auch viele andere berichten in Wort und Bild über das Geschehen in ihrer Nähe. Oft werden nach einem Ereignis vor Ort Nachforschungen angestellt und Schäden dokumentiert, um die mögliche Schadensursache (z.B. Downburst oder Tornado) zu identifizieren. Die so gesammelten Dokumentationen waren Motivation für die Gründung des Schweizerischen Sturmarchivs (sturmarchiv.ch) im Jahr 2007. Über die Jahre blieb bis heute eine enge Kooperation zwischen den beiden Portalen bestehen.

Die Emotionen kochten manchmal hoch, so z.B. nach dem Bieler Turnfest, welches am 20.6.2013 von einem Downburst im Gefolge einer Superzelle getroffen wurde. In besonderer Erinnerung bleibt der Tornado im Südschwarzwald (Bonndorf) vom 13.5.2015, welcher sich erst ganz knapp vor der Schweizer Grenze auflöste. Auch 3 Jahre nach dem Ereignis wurde im Forum über neue Erkenntnisse zur Zugbahn des Tornados und zu den Schadenmustern berichtet. Prägend dieses Jahr war der Hagelsturm in Reichenburg, 25.7.2021. Durch den Hagel entlaubte Bäume führten zu einer verstörenden Winterstimmung mitten im Sommer, siehe Foto oben.

Im Laufe der Jahre entstanden im World Wide Web zahllose Blogs, Medien-Portale, Usergruppen und Handy-Apps, welche sich das Thema Wetter auf die Fahne geschrieben haben. Nichtsdestotrotz konnte das Sturmforum seinen Platz in dieser neuen und viralen Medienwelt behaupten. Das Forum wird durch eine Handvoll Moderatoren auf freiwilliger Basis unterhalten. So kann, bei Spam oder anderen beleidigenden oder ungesetzlichen Beiträgen rasch und effektiv gehandelt werden. Dies ist ein riesiger Vorteil gegenüber Giganten wie Facebook, Whatsapp oder Twitter etc. Im Übrigen werden, im Unterschied zu den Blogs diverser Wetter-Institutionen, alle Beiträge umgehend publiziert. Nachträgliche Eingriffe der Moderatoren sind, auch dank griffiger und klar kommunizierter Forumregeln, äusserst selten.

Gründer des Sturmforums ist das Klein-Unternehmen meteoradar gmbh, welches über viele Jahre den technischen Betrieb des Forums sicherstellte. Inzwischen wurde diese Aufgabe vollständig von privater Seite übernommen. Dank dem unabhängigen Status des Forums können alle Beitragsschreiber ihre freie Meinung äussern – selbstverständlich innerhalb der bereits erwähnten Grenzen des persönlichen Anstandes und der gesetzlichen Vorgaben. Kritik bei Fehlprognosen der Modelle oder der Wetterdienste ist nicht selten. Diese wird von den Urhebern nicht immer goutiert, ist aber ein wesentliches Element des freien Austausches über die Grenzen von Institutionen und Firmen hinweg. Auch der Galgenhumor kommt fleissig zum Zug, wenn das Wetter gerade nicht ganz so läuft wie geplant. All das gehört zum Meinungsspektrum einer freien und offenen Diskussions-Plattform, welche nicht nur dokumentieren, sondern auch unterhalten will.

In dem Sinn: Happy Birthday!

 

Gewittervorschau 12.-16.08.2021

Auch der mogendliche Blick zum Himmel nützt nicht viel: Die Gewittervorboten über Bern von heute Morgen befinden sich am Abend bereits über Salzburg

Das Positive vorweg: Die Zirkulationsform hat sich Ende Juli / Anfang August geändert, es gibt also mal etwas Neues zu berichten als immer nur von Tiefs und Trögen knapp westlich von oder direkt über uns. Was sich nicht geändert hat: Die grosse Unsicherheit in den Modellen sogar in der Kurzfrist. Von überhaupt nichts bis grosses Rumms wird in 24 Stunden gerechnet, wobei die Modelle da wahrscheinlich gar nicht viel dafür können, wenn die Erhebung der Daten so dünn ist, dass Feuchte- und Hebungsfelder mal so und mal anders gerechnet werden. Gut möglich also, dass wir an einem vermeintlich schönen Morgen mit einem Knall aus dem Bett geholt werden wie am Mittwoch, oder dass sich eine vorhergesagte Gewitterfront buchstäblich in warme Luft auflöst. Der Grund liegt in einer recht dynamischen Höhenwetterlage: Wird die Geschwindigkeit eines Luftpakets auch nur um 10 km/h falsch berechnet, befindet es sich in 24 Stunden statt über Bern dann eben locker mal über dem Allgäu, beispielsweise.

Der Blick auf die Höhenwinde und die steuernden Druckzentren in Europa verrät uns, wie der Hase diesmal läuft:

Weg ist die meridionale Zirkulation mit starken Austrogungen vom Juni und Juli – inzwischen hat sich eine recht stramme Westströmung vom zentralen Nordatlantik bis weit in den europäischen Kontinent hinein etabliert. Es wäre dies in etwa das normale Hochsommermuster, nun kommt es eben zu Beginn des Spätsommers, so wie in letzter Zeit überhaupt die Zirkulationsmuster den langjährigen Gepflogenheiten hinterher hinken, egal zu welcher Jahreszeit. In diese Westströmung eingebettet sind relativ schwache Störungszonen (man kann sie kaum Fronten nennen): Ein klein wenig kältere Luft in der Höhe hier, ein Wellchen etwas weiter unten dort, und das alles recht flott mit etwa 45 km/h +/- 10 unterwegs, wobei der Wind in 3000 m derzeit stärker ist als in 6000 m. So sind die Wolken von heute Morgen, die man gerne als Gewittervorboten interpretiert, am Mittag schon längst wieder ausser Landes und die Sonne heizt ungehindert ein. Der nächste Feuchteeinschub folgt erst ab dem späten Abend, sodass die Schauer- und Gewitterneigung am Nachmittag und frühen Abend noch gering bleibt.

Was genau in der Nacht zum Freitag zu uns reinkommt, wollen uns die Modelle auch 18 Stunden vorher noch nicht verraten. Arome modelliert ein klitzekleines Höhenkaltllufttröpfli, das offenbar ausreicht, um einen schönen Cluster entstehen zu lassen. Bei Euro4 ist die Höhenkaltluft (vielleicht aufgrund der geringeren Auflösung) etwas weniger akzentuiert und dafür breiter verteilt, was eher linienförmige Entwicklung zulässt. Und ICON-D2 scheint mit der Lage überhaupt überfordert zu sein, wie bereits am Mittwochmorgen sind nur sehr schwache Signale vorhanden. Man muss also davon ausgehen, dass in der Nacht Gewitter durchziehen, auch wenn noch nicht klar ist in welcher Form und wo genau, ob nur regional beschränkt oder doch in etwas breiterer Front. Klar ist einzig, dass wenn sich Gewitter entwickeln, diese lokal schwere Sturmböen bringen können:

Besser also, man geht auf Nummer sicher und räumt am Abend alles rein, was davon fliegen könnte. Die gerechneten Niederschlagssummen sind dank der schnellen Verlagerung hingegen relativ bescheiden verglichen mit dem, was wir aus den letzten Monaten kennen. Hagel kann lokal trotzdem ein Thema sein.

Am Freitagmorgen ziehen die Reste dieser Störung recht flott nach Osten weg und die Sonne setzt sich wieder durch. Jetzt haben wir es mit einer sehr schwülen Luftmasse zu tun, was je nach dem, was in der Nacht an Niederschlag gefallen ist, noch verstärkt wird. Allerdings wölbt sich der Rücken des Subtropenhochs genau über uns auf:

Mit extrem warmer Höhenluft über uns und Absinken im Hoch wird die schwüle Grundschicht gedeckelt was nur geht. Von Freitagabend bis Sonntagmorgen sind also Entwicklungen sehr unwahrscheinlich – allenfalls können sie vereinzelt dort entstehen, wo die Heizfläche sehr hoch liegt, also in den Hochalpen. Es sei denn, es mogelt sich in der jetzt eher südwestlichen Strömung wieder ein kleines Feuchtefeld rein, das am einen oder anderen Morgen für eine Überraschung sorgen kann. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist am Sonntagmorgen etwas höher als am Samstag, weil sich der Hochdruck bereits wieder langsam nach Süden zurückzieht. Das lässt ab Sonntagnachmittag auch die Wahrscheinlichkeit für Gewitter steigen, wobei sich diese vorerst noch auf die Berge beschränken dürften.

Dies ändert sich mit einer Kaltfront, die nach aktuellem Stand am Montag reinziehen soll und unserem Sommerintermezzo bereits wieder ein Ende setzt:

Je nach Timing der Front, vor allem wenn sie erst in der zweiten Tageshälfte reinkommt, kann es unwetterartig ablaufen. Der deutliche Temperatursturz spricht für sehr starken Wind, der den Gewittern mitunter weit voraus läuft. Für Details ist jetzt aber noch eindeutig zu früh.

Was danach folgt, verrät auf obiger Karte der Blick in die linke obere Ecke. Eine Nordwestlage bringt Polarluft (sofern man sie im August so nennen kann) und drückt die Temperaturen einmal mehr auf ein alles andere als sommerliches Niveau. Eine Erholung auf jahreszeitübliche Werte ist frühestens am folgenden Wochenende zu erwarten.

Gewitter- und Hochwasservorschau 24.-29.07.2021

Dieser Sommer ist auch weiterhin für alle wilden Sauereien zu haben (Überschwemmungsgebiet Fanel am Neuenburgersee, 22.07.2021)

Aus Westen nichts Neues! So kann man auch an diesem Wochenende die Lage kurz und bündig zusammenfassen. Bereits zum fünften Mal seit Mitte Juni hat sich im Bereich zwischen den Britischen Inseln und der Biskaya ein abtropfendes Tief eingenistet und beglückt uns auf seiner Vorderseite mit feucht-warmer Mittelmeerluft. Immerhin gab es jetzt mal ein paar trockene und angenehm temperierte Tage zwecks Entspannung der Hochwasserlage und um den Ruf dieses Sommers zumindest vorübergehend zu retten. Doch am grundlegenden Charakter ändert sich nichts, die Siebenschläfer-Regel ist einmal mehr zuverlässig und so kommt, was kommen muss. Derzeit ist nicht absehbar, wann diese Endlosschleife unterbrochen wird, man tut also gut daran, auch in den nächsten Wochen auf alles gefasst zu sein.

Die Karte mit der Verteilung der Druckgebiete und der grossräumigen Windströmung gleicht denjenigen der letzten Wochen mit nur wenigen Abweichungen im Detail:

Das Zentrum des Höhentiefs liegt diesmal über der Bretagne, was für uns zur Folge hat, dass die Höhenströmung nicht so stark nach Süden aufsteilt und sich daher keine Föhnlage einstellen kann. Obwohl es keine ist, sind die Auswirkungen bei uns eher wie bei einer klassischen Südwestlage mit Gewitterzugbahnen entlang der Jura- und Voralpenschiene ohne Föhnbremse im Osten. Auffällig ist, dass die stärksten südwestlichen Höhenwinde diesmal südlich des Alpenkamms auftreten, womit auch hier mit sehr schnell ziehenden Superzellen und Clustern zu rechnen ist, also eher nicht die lang anhaltenden Stauniederschläge wie beim letzten Mal.

Die schlecht modellierten Niederschläge vom Samstagmorgen auf der Alpennordseite haben nicht dazu beigetragen, die Lage vorzeitig zu entschärfen – im Gegenteil: Die Grundschicht ist jetzt erst recht angefeuchtet und die Sonne kann am Nachmittag so richtig schön die Suppe zum köcheln bringen. Pappfeuchte, sehr warme Luftmasse, zunehmender Höhenwind und am Abend Aufrücken der Höhenkaltluft und somit Verschärfung der Labilität sind die perfekte Giftmischung. Da die Modelle vogelwild mal wieder sämtliche Varianten auftischen, die bei einer solchen Lage denkbar sind, wollen wir gar nicht erst spekulieren, wo sich die stärksten Gewitter bilden. Klar ist: Am gefährdetsten sind am Abend die klassichen Südwest-Zugbahnen entlang von Jura und am Übergang von den Voralpen zu den höheren Mittelland-Hügeln mit extremem Starkregen und Hagel durchaus wieder im grösseren Bereich. Immerhin hat die Anfeuchtung heute Morgen bewirkt, dass die Gefahr von Downbursts etwas entschärft wurde, mit lokal schweren Sturmböen ist aber trotzdem zu rechnen. In der Nacht steigt die Gefahr von lang anhaltend gewittrigem Starkregen entlang einer schleifenden Kaltfront, die wahrscheinlich irgendwo über dem Mittelland zu liegen kommt.

Die genaue Lage dieser Kaltfront gibt den Modellen auch am Sonntag Rätsel auf. Manche lassen sie einfach über der Schweiz liegen, was dichte Bewölkung und immer wieder von Südwest nach Nordost ziehende gewittrige Regenfälle zur Folge hätte. Verlagert sich diese Front kaum, muss man strichweise mit sehr hohen Niederschlagssummen rechnen (über 100 mm bis Montagmorgen liegen durchaus drin). Es gibt aber auch Berechnungen, welche das Geopotenzial über der Schweiz am Sonntag etwas ansteigen lassen und die Front etwas zurück nach Westen schiebt bzw. fast auflösen lässt. In diesem Fall wäre das Szenario für mehr Sonnenschein tagsüber mit Bildung von eher lokalen, aber durchaus kräftigen Gewittern. Je nach Modell streuen die Ensembles z.B. für den Gitterpunkt zentrales Mittelland bei der 850 hPa-Temperatur am Sonntagmittag um bis zu 5 Grad, was die Unsicherheit verdeutlicht.

Für Montag und Dienstag lässt sich einzig mit Sicherheit sagen, dass es beständig unbeständig bleibt und die Gewittergefahr noch nicht gebannt ist. Das ist aber auch schon alles, denn die Entwicklung der Lage ist noch völlig offen:

Klar ist nur, dass unser heutiges Bretonen-Tief (1) nicht wie das letzte über Mitteleuropa nach Osten zieht (bewahre!), sondern von einem weiteren von Island nach Südosten vorstossenden Trog (2) aufgefangen wird. Das Fragezeichen steht für die Unklarheit, wie weit nach Süden die Austrogung greifen wird. Manche Modelle zeigen eine starke Austrogung, welche uns auf der warmen Vorderseite in einer südwestlichen bis südlichen Strömung verbleiben lässt (mit entsprechend wärmeren und möglicherweise auch trockenerem Mittwoch und Donnerstag dank etwas Föhneinfluss). Andere Modelle zeigen eher eine zonale Ausrichtung des Tiefs über den Britischen Inseln, was eine Westströmung mit kühleren atlantischen Luftmassen zur Folge hätte. Das bisherige Muster dieses Sommers spricht zwar eher für die erste Variante, so lange die zweite aber von einigen Modellen gerechnet wird, kann man sie auch nicht ausschliessen. So oder so: Da kommt noch etwas auf uns zu, je nach Variante etwas früher oder später. Werden Mittwoch und Donnerstag eher trocken und warm, kommt die Dusche etwas später, aber umso heftiger.

Die GFS-Variante mit Durchgang der Kaltfront im Lauf des Donnerstags bringt ab heute diese aufsummierten Niederschläge:

Der Vorteil dieses grob aufgelösten Modells ist, dass man ungefähr abschätzen kann, wie viel durchschnittlich über eine grössere Fläche in etwa zu erwarten ist. Lokal kann das deutlich weniger sein, aber auch viel mehr: So können die 100 mm strichweise nur schon alleine in 24 Stunden fallen, sollte sich eine Gewitterstrasse über längere Zeit stationär ausregnen.

Damit ist auch klar: Von einer Normalisierung der Hochwassersituation im Dreiseenland sind wir weit entfernt. Da der Schwerpunkt der gewittrigen Regenfälle in den Voralpen zu erwarten ist, werden die Aare-Zuflüsse zwischenzeitlich wieder sehr viel Wasser bringen. Durch ein (sehr) wahrscheinliches Emmehochwasser wird man gezwungen sein, den Abfluss in Port wieder zu drosseln. Da der Neuenburgersee etwa 25 cm höher steht, wird der Bielersee also schnell wieder ansteigen. Bei den Alpenrandseen ist die Prognose deutlich schwieriger, aber so lange sich keine Nord(-west)staulage einstellt, ist die Gefahr dort weniger akut. Die grösste Gefahr geht eher von Hangrutschen und überschiessenden Bächen aus, da die Böden trotz der kurzen Trockenperiode immer noch gesättigt sind.

Gewittervorschau 10.-15.07.2021

Am Montag bestehen wieder mal Chancen auf interessante Strukturen – Aufnahme vom 06.07.2014 südlich von Bern

Verschnaufpausen sind kurz in diesem Sommer 2021, deshalb sollte man sie umso mehr geniessen. Sofern man kann, denn nicht wenige sind damit beschäftigt, den Schutt der letzten Unwetter wegzuräumen, damit die nächsten nicht noch mehr Unheil anrichten können. Auch gilt es, möglichst viel Wasser aus den randvollen Seen am Alpenrand abzulassen, um Platz zu schaffen für Neues – ohne gleich die Unterlieger absaufen zu lassen. Kein einfacher Job in diesen Tagen, der Neid hält sich somit in Grenzen. Auch auf die Meteorologen braucht man nicht neidisch sein, die zwar nur Überbringer der schlechten Nachrichten sind, sich aber trotzdem einiges anhören müssen dieser Tage. Zudem wirken sich die häufigen Prognosepleiten aufgrund der widersprüchlichen Modelle auch nicht gerade motivierend aus, aber da muss man eben alle paar Jahre mal durch – immerhin liegt der letzte solche Sommer auch schon wieder 7 Jahre zurück und in den Jahren davor waren sie eher Regel als Ausnahme.

Das einigermassen sonnige, wenn auch nicht störungsfreie Wochenende haben wir einer kurzen Zonalisierung zu verdanken:

Vorübergehend hat sich eine recht stramme Westwindströmung vom Atlantik her eingestellt. Sie muss vor dem immer noch blockierenden Hoch über Osteuropa nach Norden umbiegen, daher nennt man diese Grosswetterlage auch „winkelförmige Westlage“. Darin eingebettet ist ein kleines, aber recht giftiges Randtief (Nr. 1) das in der Nacht zum Sonntag eine Kaltfront sehr rasch über uns hinwegsteuert. Dahinter ist allerdings bereits die Geburtsstunde des nächsten Troges (Nr. 2) zu erkennen. Nein, nicht die Autorin hat einen Sprung in der Platte, sondern das Wetter. Erneut stellt sich zu Wochenbeginn die äusserst unwetterträchtige Grosswetterlage „Trog Westeuropa“ ein, die danach entweder in Tief Mitteleuropa oder Trog Mitteleuropa mündet, je nachdem wie rasch sich ein Teil davon selbständig macht und abtropft.

Die Kaltfront heute Nacht ist in der Luftmassenanalyse gut zu erkennen:

Die dahinter liegende Kaltluft (grün), erwärmt sich am Sonntag unter Zwischenhocheinfluss sehr rasch, und bald darauf erreicht uns der Schwall subtropischer Luftmasse, der an der linken unteren Ecke bereits zu erkennen ist.

Der Samstag bleibt bis weit in den Nachmittag sonnig, auch wenn vorübergehend mal ein dichtes Schleierwolkenband durchzieht. Über den Bergen entwickeln sich Quellwolken, die im Jura und in den Voralpen ab dem späten Nachmittag erste Gewitter bringen. Diese ziehen in der flotten Südwestströmung recht rasch weiter. Erst am späten Abend kommen aus Westen verbreitet Gewitter auf, welche die ganze Schweiz in der Nacht mit Starkregen überziehen, auch Hagel ist möglich. Man kann von Glück reden, dass die Front mit ca. 70 km/h unterwegs ist, sodass sich die Aufsummierung der Niederschläge in Grenzen hält – trotzdem ist angesichts dessen, was noch von der letzten Regenlage abfliessen muss und was uns nächste Woche erwartet, jeder Tropfen zu viel. Die rasche Verlagerungsgeschwindigkeit lässt auf starke Höhenwinde schliessen, die in Böen runtergemischt werden können. Leider sind sich die Modelle bezüglich des Windes überhaupt nicht einig, von einfach etwas stärkeren Böen bis zu schweren Sturmböen in exponierten Lagen ist alles möglich: Also sicherheitshalber lieber mal etwas zu viel als zu wenig reinräumen oder festbinden.

Am Sonntagmorgen hängen am zentralen und östlichen Alpennordhang noch viele Restwolken mit letzten Tropfen, bald wird es aber überall trocken. Wie rasch sich die Restwolken auflösen, ist noch nicht ganz klar: Es ist gut möglich, dass sich flache Quellwolken bis weit in den Nachmittag halten können und der Sonntag nicht ganz so sonnig wird wie mancherorts versprochen. Immerhin verspricht der Abend traumhaft zu werden.

Damit hat es sich dann aber auch schon wieder mit dem Sommerspeck, der uns durchs Maul gezogen wird. Am Montagmorgen steht der westeuropäische Trog bereits vor der Tür, in dessen süd-südwestlicher Höhenströmung sich eine Randwelle mit Konvergenz einlagern soll:

Das riecht verdächtig nach einer bereits stark bewölkten Westschweiz mit allenfalls eingelagerter Morgenkonvektion, während im Osten Föhn aufkommt und die Temperaturen mancherorts auf über 30 Grad ansteigen lässt. Damit sind sämtlichen Unsicherheiten für den weiteren Ablauf Tür und Tor geöffnet. Wie lange hält der Föhn, und wie rasch kommt die bodennahe Kaltluft voran? Die derzeit favorisierte Variante lässt es am Montag noch lange trocken, ein sich über Ostfrankreich unter der Front bildender Kaltluftpool soll sich erst am Abend über den Jura als Joran ins Mittelland ergiessen. Damit wäre die Grundschicht von der weiteren Entwicklung abgekoppelt, doch die starke Höhenströmung lässt natürlich trotzdem heftige Gewitter zu, die auch wieder grossen Hagel bringen können. Allerdings spricht nach derzeitigem Fahrplan einiges dafür, dass dies in der Nacht auf Dienstag geschieht und somit einiges an Energie aus dem System rausgenommen wird. Einem schnelleren Vorankommen der Front bereits am Montagabend sollte man sich allerdings nicht verschliessen, das wird sich erst in der Kurzfrist klären.

Jedenfalls kommt zwischen Montagabend und Dienstagmittag wieder einiges an Wasser runter: 40-60 mm dürften es in der Fläche wahrscheinlich sein, lokal wohl auch deutlich darüber. Die Entwicklung der letzten Modellläufe, wonach sich die Front rascher nach Osten verschiebt und wir schneller auf die ruhigere Rückseite gelangen, lässt Hoffnung aufkommen, dass es am Dienstag in der zweiten Tageshälfte und am Mittwoch nur wenig Niederschlag gibt (die Österreicher und Südtiroler werden das wohl etwas anders sehen…). Allerdings besteht die Möglichkeit, dass am Donnerstag die energiereiche Warmluft auf der Ostseite des Tiefs um dessen Nordseite herum wieder zu uns gelangen könnte:

Hier ist noch völlig offen, wie viel Feuchte da nochmal von Norden her an die Alpen gestaut wird. Auf jeden Fall muss man die Entwicklung der Lage sehr gut im Auge behalten.

Gewittervorschau 27.06.-02.07.2021

Typische Gewitterküche Freiburger und Berner Voralpen, am 04.06.2021 vom Bantiger aufgenommen

In der letzten Gewittervorschau wurde darüber geklagt, wie schlecht die Modelle die aktuelle Wetterlage im Griff haben. Nichts Neues bei Trog Westeuropa, mit diesem Problem leben wir bereits seit Jahren, Fortschritte sind keine auszumachen. Doch immer dann wenn man denkt: Schlimmer kann es nicht kommen! – dann kommt es noch schlimmer. Nämlich dann, wenn das Tief über der Biskaya die Verbindung zum Muttertrog im Norden verliert und sich selbständig macht, dann geht die Eierei erst so richtig los. Und genau das erleben wir in den nächsten Tagen. Es geht hier also einmal mehr nicht darum, detaillierte Prognosen abzugeben, sondern viel mehr um Verständnis zu werben, wieso genau dies nicht möglich ist. Eine grobe Abschätzung über die Entwicklung in dieser Woche wird natürlich trotzdem gewagt.

Die Abschnürung des Biskaya-Tiefs vom Trog im Norden wird auf der Karte mit der Druck- und Windverteilung in rund 1550 m Höhe ersichtlich:

Vom nach Norden verdrängten Azorenhoch (über den Azoren sitzt ein Tief) hat sich eine Brücke nach Osten vorangearbeitet und sich zwischen den Muttertrog über dem Nordmeer und das Biskaya-Tief geschoben. Dieses ist relativ klein und somit die zyklonale Windströmung stärker gekrümmt als bei der letzten ähnlichen Lage vor einer Woche. Entsprechend chaotisch präsentiert sich das Windfeld über Mitteleuropa. Das ist der Moment, wo die meisten Modelle ihre Waffen strecken, dann kriegen die nicht mal die aktuelle Situation bzw. die Prognose für die nächsten 6 Stunden gebacken. Beispiel Sonntagabend, Modellläufe vom Mittag (Erscheinungszeitpunkt später Nachmittag bzw. früher Abend):

Modelloutput Niederschlag 12z für 18z. Links das französische, rechts das deutsche Modell (Quelle: meteociel.fr)

Dem aktuellen Radarbild nach zu schätzen (diese Zeilen werden um 18:30 Uhr geschrieben, während es in Muri bei Bern zu tröpfeln beginnt), dürfte die Wahrheit aus einer Kombination beider Modelle bestehen. Auch gut, vor allem weil am Vortag das französische Modell den ganzen Abend noch völlig trocken gezeigt hat. Mit langjähriger Erfahrung kennt man ja seine Pappenheimer…

Die Möglichkeit einer geschlossenen Gewitterlinie durch das ganze Mittelland mit vorlaufender Druckwelle ist also am Sonntagabend gar nicht mehr so abwegig. Dürfte vor allem all jene freuen, die angesichts der landläufigen Prognosen (ein paar Gewitter in den Bergen) noch irgendetwas draussen am Laufen haben.

Wagen wir einen Blick auf die mögliche Entwicklung der Wetterlage bis Freitag:

Wir sehen eine langsame Ostverlagerung des Biskaya-Tiefs nach Mitteleuropa, während sich das Azorenhoch nach Skandinavien verkrümelt. Und nun achte man darauf, was am Ostrand dieses Hochs passiert: Ein weiteres Tief tropft nach Süden ab und nimmt darauf hin Kurs nach Mitteleuropa, wo es sich am Freitag mit unserem ehemaligen Biskaya-Tief vereinigen soll. Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist jedes Modell völlig überfordert, denn welchen Weg gedenken die frisch vermählten Tiefdruckzellen (genau genommen ist es jetzt nur noch eine) danach einzuschlagen? Wir werden es hoffentlich noch vor dem Wochenende merken, andere versprechen bereits jetzt Sommer, Sonne, Eierkuchen…

Einigermassen klar ist einzig, dass aufgrund der langsamen Ostverlagerung des Biskaya-Tiefs der unwetterträchtigste Tag in der Schweiz der Montag, weiter östlich der Dienstag und möglicherweise auch noch der Mittwoch ist, denn hier sehen wir die erste Kaltfront am Dienstagabend bereits östlich der Schweiz über Bayern:

Am Montag befindet sich die Schweiz noch vollständig in der energiereichsten Luftmasse, sprich sehr warm und feucht. Gleichzeitig rückt der starke Höhenwind näher und verstärkt somit die Scherung, was Potenzial bietet für Superzellen mit grossem Hagel und schweren Sturmböen, die voraussichtlich am Abend durchs gesamte Mittelland ziehen.

Am Dienstag zieht die erste Kaltfront durch, die Gewitter sind dann eher linienförmig organisiert, was wiederum viel Wind und Regen bringt, aber wahrscheinlich nur noch kleinen Hagel. Die Schwere der Gewitter wird vom genauen Timing im Tagesverlauf abhängen – je später und je mehr die Sonne noch einheizen kann, umso heftiger.

Der Mittwoch wirft noch einige Fragezeichen auf. Während auf der Alpennordseite bereits kühlere Luft lagert und sich die konvektive Aktivität in eher gemässigtem Schauergeschehen manifestiert, könnten sich inneralpin allenfalls noch Nester der schwülen Luftmasse halten und für Gewitter sorgen.

Der Donnerstag scheint der kühlste Tag zu werden, wahrscheinlich werden keine 20 Grad mehr erreicht. Dazu weht zügiger Westwind und es ziehen immer wieder Schauer durch, Gewitter sind eher unwahrscheinlich.

Und am Freitag geht dann das grosse Rätselraten los: Zieht das vereinigte Tief nach Osten ab, setzt sich freundliches Sommerwetter durch, wird es aber vom nördlichen Hoch retrograd nach Westen zurückgesteuert, ist so ziemlich alles möglich.

Obiges alles ohne Gewähr, denn ob sich das Tief an den Fahrplan hält, ist alles andere als sicher…