Über fotometeo

Fabienne Muriset hat seit 2004 internationale Erfahrungen als Medienmeteorologin bei Wetterdiensten im deutschsprachigen Raum gesammelt und bietet seit 2011 ihre Dienstleistungen als selbstständige Meteorologin und Fotografin auf dem freien Markt an. http://www.fotometeo.ch

Sturmvorschau 21.-27.09.2018

„Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.“
In keinem Jahr wie 2018 trifft das Gedicht von Rainer Maria Rilke wohl den Nagel besser auf den Kopf. Wenn man noch bedenkt, dass dieses Gedicht 1902 geschrieben wurde, also in einem Jahr, in dem der Sommer um 1 Grad kälter war als das Klimamittel 1961-90, so fragt man sich, welche Worte der gute Rilke wohl 2018 wählen würde. Die heutige Generation unter 30 weiss gar nicht mehr, wie sich ein solcher Sommer anfühlt: Der letzte vergleichbare „sehr grosse“ Sommer war 1987…
Nun: Vor einem Monat wurde an dieser Stelle geschrieben, dass alles ein Ende habe, ausser vielleicht der Sommer 2018. Nun ist es doch noch so weit. Die physikalischen Gesetze, welche dem sinkenden Sonnenstand folgen, können von keinem noch so grossen Sommer ausser Kraft gesetzt werden.

Die aktuelle Luftmassen- und Bodendruckanalyse (Titelbild) zeigt uns ein aus diesem Sommer wohlbekanntes Muster: Ein umfangreiches Tiefdrucksystem schaufelt auf seiner Vorderseite sehr warme Luft über Mittel- und Osteuropa weit in den Norden, stützt dort hohen Luftdruck und wird dadurch an seinem Weiterkommen nach Osten ausgebremst. Das könnte nun ewig so weitergehen, käme nicht endlich Unterstützung aus den Tropen: Das noch unscheinbare, aber sehr warme Randtief über dem Atlantik am linken Rand der Karte enthält Reste des ehemaligen Hurrikans FLORENCE und entwickelt sich entlang der inzwischen schon wieder markanten Temperaturdifferenzen des Nordatlantiks unter dem dort gesunden Jetstream prächtig. Die sich gegenseitig aufschaukelnden Energien in diesem System werden ausreichen, um dem Hoch über Osteuropa ordentlich den Marsch zu blasen – und uns den ersten Herbststurm zu bescheren. Eindrücklicher und nachhaltiger kann man einen Jahreszeitenwechsel nicht einläuten.

Den ersten Anlauf nimmt der Herbst allerdings bereits heute Freitagabend – wenn auch mit bescheidenem Erfolg:

Zwar findet mit der Kaltfront bodennah ein markanter Luftmassenwechsel statt. Da die Höhenkaltluft jedoch deutlich nördlich der Schweiz verbleibt, wird daraus hauptsächlich ein Windereignis. Die mit der Kaltfront verbundenen Regenmengen fallen aufgrund der hohen Zuggeschwindigkeit bescheiden aus, und auch Gewitter sind nur randlich ein Thema: Allenfalls reicht es vereinzelt in den Bergen der Südostschweiz, wo die Sonne noch am längsten einheizen kann, für den einen oder anderen Blitz in den Abendstunden. Mit der Winddrehung auf Nordwest an der Front tritt am Jurasüdfuss ein stürmischer Joran auf, auch an den Engstellen der Alpentäler und auf den Bergen kann es mitunter zu Sturmböen kommen. Ansonsten kommen die Windspitzen in den Niederungen verbreitet zwischen 50 und 70 km/h zu liegen. Die Abkühlung beschränkt sich auf die Alpennordseite, denn der Kaltluftkörper ist derart seicht, dass er es nicht mal über die Alpen schafft. Wer also vom Sommer immer noch nicht genug hat, ist am Samstag auf der Alpensüdseite gut aufgehoben. Im Norden zeigt sich der Samstag vergleichsweise (zu den letzten Tagen) kühl, aber nicht unfreundlich.

Am Sonntag muss erst mal der mächtige Wolkenschirm der Warmfront von ex-Florence über uns hinwegziehen:

Der nachfolgende Warmsektor mit gealterter Tropenluft hat es aber in sich: Noch mal steigen die Temperaturen verbreitet in den sommerlichen Bereich, unterstützt durch stetig auffrischenden Südwestwind, der auf den Bergen im Lauf des Tages bereits Sturmstärke erreicht. Trotz der recht sonnigen (mit hohen Wolkenfeldern) und warmen Aussichten ist der Sonntag somit nicht wirklich für Bergwanderungen geeignet. Stattdessen sollte man besser Vorkehrungen auf Balkon und Garten treffen und alles reinräumen, was nicht niet- und nagelfest ist. Denn ungefähr um Mitternacht trifft kurz vor der Kaltfront das Maximum des Sturmfelds ein:

Stärke und Zugbahn des Tiefs werden von GFS und EZ inzwischen recht einheitlich berechnet. Andere Modelle sehen das Tief etwas nördlicher, aber mit tieferem Kerndruck, wiederum andere südlicher, aber mit höherem Kerndruck – was sich schlussendlich in der Bilanz des Druckgradienten am Alpennordrand in etwa ausgleicht. Stärke und Zeitpunkt des Sturms sind somit relativ gut gesichert. Mit Sturmböen muss man im Flachland wohl vielerorts rechnen, vom Hochrhein bis zum Bodensee auch mit schweren Sturmböen (90-100 km/h), was an den noch voll belaubten wie auch an trockenheitsgestressten Bäumen (dürre Äste) einigen Schaden anrichten dürfte. Immerhin ist der Zeitpunkt mitten in der Nacht nicht so kritisch. Da diesem Blog auch eine treue Leserschaft aus Österreich folgt, noch dieser Hinweis: Das Tief verstärkt sich auf dem Weg nach Osten, hinzu kommt der Leitplankeneffekt der Alpen: Hier liegen durchaus orkanartige Böen in den frühen Morgenstunden des Montags (am Alpenostrand womöglich genau zum Berufsverkehr) drin.

Die Sache könnte sich nun rasch beruhigen, denn die Kaltfront mitsamt Regen zieht am Montag sehr schnell ab. Über Westeuropa baut sich aber ein kräftiges Hoch auf, während sich im Lee der Alpen ein neues Randtief bildet:

Stramme nordwestliche Höhenströmung und ein starker Druckgradient am Boden sorgen nun für einen Nordföhnsturm auf der Alpensüdseite und starke – mitunter am Genfersee und auf den Jurahöhen auch stürmische – Bise im Mittelland. Wie lange diese Situation anhält, hängt nun stark von der weiteren Positionierung des Hochdruckgebietes ab. Manche Modelle lassen es im Westen verharren, womit wir unter Umständen die ganze Woche mit starker Bise und ungewohnt kühlen Verhältnissen rechnen müssten. Es gibt aber auch die Variante mit allmählicher Ostverlagerung, sich von Tag zu Tag abschwächender Bise und Altweibersommer ab der Wochenmitte.

Gewittervorschau 23./24.08.2018: Alles hat ein Ende…

… nur der Hochsommer 2018, der hat wohl keins. Zumindest nicht in absehbarer Zeit, auch wenn derzeit der Sommer-Abgesang durch die Medien getragen wird. Am Mittwoch wurden in der Nordschweiz – obwohl nur 30 angekündigt – bis zu 33 Grad erreicht. Nun steht eine Abkühlung an, die lange als steiler Absturz im Lauf des Freitags gerechnet wurde. Inzwischen zeigt sich, dass sich der Temperaturrückgang recht gleichmässig auf 48 Stunden verteilt. Die kälteste Luft erreicht uns in der Nacht auf Sonntag, anschliessend geht es im gleichen Tempo bergauf, bis wir am Dienstag wieder das heutige Niveau erreicht haben (siehe Ensemble im Titelbild, anklicken für volle Grösse). Danach streut die Prognose naturgemäss, es sieht aber nach Sommerwetter bis weit in die erste Septemberwoche aus, mit ein paar Störungen drin, dessen Intensität heute noch nicht abzusehen ist. Hier zeigt sich eindrücklich, wie schwer es die kühleren Luftmassen haben, sich nach einem sehr heissen und trockenen Sommer auf dem Kontinent durchzusetzen. Einzig die Spitzen gehen sonnenstandbedingt von Woche zu Woche leicht zurück.

Wenn wir uns die grossräumige Druckverteilung und den Wind in etwa 5500 m Höhe anschauen, dann kommt uns das sehr vertraut vor:

Da ist sie wieder, diese Austrogung über Westeuropa, wie schon in den vergangenen Wochen. Diesmal ist der Trog etwas breiter, aber auch dieser läuft auf das von ihm selbst durch Warmluftzufuhr über Osteuropa weit in den Norden geschaffene hohe Geopotenzial auf, während er gleichzeitig durch das Nachrücken eines neuen Azorenhochkeils von Westen her zugeschüttet wird. Same procedure as every week also…

… mit einigen Änderungen im Detail allerdings, denn wie gesagt ist dieser Trog etwas breiter aufgestellt als die letzten – statt ein bis zwei beschäftigt er uns diesmal drei Tage und diesmal ist die mitgeführte Höhenkaltluft auch etwas effektiver (minus 20 bis 22 Grad, letzte Woche waren es noch -14). Es wäre zwar interessant, würde aber den Rahmen dieses Blogs sprengen, die Entstehungsgeschichte dieses Troges zurückzuverfolgen, denn in ihm steckt die Geschichte mehrerer Tiefs, wie an der Abfolge der Kaltfronten zu sehen ist:

Am Donnerstagabend wirkt zunächst mal eine vorlaufende Konvergenz (schwarz), die noch keinen Luftmassenwechsel bringt. Dahinter folgen gestaffelt drei Kaltfronten (blau), daher sieht der Temperaturrückgang im Ensemble so gleichmässig aus. Mit jeder Front folgt eine etwas energieärmere Luftmasse, was sich auch schön an den CAPE-Werten ablesen lässt:

Die erste Kaltfront erreicht uns tageszeitlich ungünstig in der Nacht auf Freitag, zudem wird deren Aktivität auch davon abhängen, wie viel Energie die vorlaufende Konvergenz im Verlauf des Nachmittags und Abends bereits aus der Luft zieht. Schon kurz nach Mittag geht es wahrscheinlich mit den ersten Gewittern über dem Jura los, bald darauf folgen die Alpenzellen, die wie schon am Vortag nicht organisiert sind, und nach dem ersten Triggern durch die Orographie in der Folge recht zufällig durch lokale Konvergenzen von Outflows und synoptischen bzw. Talwind-Systemen entstehen. Aufgrund der schwachen Höhenwinde liegt das Hauptaugenmerk zunächst auf den grossen Regenmengen auf kleinem Raum in kurzer Zeit, kleinkörniger Hagel kann zudem in solchen Dichten fallen, dass Abflüsse vertopft werden und damit die Überschwemmungsgefahr zunimmt. Einige Modelle zeigen Verclusterungstendenzen, diese wohl am ehesten von den östlichen Voralpen ausgehend in Richtung Bodensee laufend.

Zwischen diesem Vorgeplänkel und der bereits erwähnten ersten Kaltfront kann es für einige Stunden ruhig bleiben (Subsidenz zwischen den Fronten), hier drin steckt allerdings bereits die erste grosse Unsicherheit. Nebst der Frage, wie viel Energie die vorgängige Aktivität noch übrig lässt, ist auch das Tempo der Kaltfront noch nicht klar. Hier streuen die Modelle das Eintreffen im Raum Bern zwischen 21:00 und etwas nach Mitternacht. Da es sich hierbei um eine Front handelt, sind die Gewitter schon eher linienförmig organisiert – wie zusammenhängend, wird sich noch weisen müssen, siehe vorhandene „Restenergie“. Damit ist auch klar, dass diesmal der Wind eine grössere Rolle spielt, wobei die Lokalmodelle mit Böen von 60-75 km/h noch relativ zurückhaltend sind. Die Überflutungsgefahr geht aufgrund der höheren Zuggeschwindigkeit etwas zurück, hingegen sind trotz der tageszeitlich ungünstigen Bedingungen lokal mittelgrosse Hagelkörner möglich.

Die zweite Kaltfront zieht im Lauf des Freitags auf, auch hier ist das genaue Timing allerdings noch nicht fixiert. Abhängig davon, wie schnell die erste Kaltfront nach Osten abzieht und wie rasch die zweite nachrückt, kann es am Vormittag noch mal ein sonniges Fenster geben. Je grösser dieses ausfällt, umso aktiver wird die nachfolgende Front. Da aber bereits deutlich weniger Energie in der Luftmasse steckt, ist nicht mehr mit Unwettern zu rechnen. Die plausibelste Variante geht von einer gewittrig durchsetzten Regenfront aus, allenfalls bilden sich in den östlichen Bergen vorlaufend noch ein paar etwas lebendigere Zellen. Der Westwind frischt generell auf, Sturmböen werden hingegen keine modelliert. Während man im Flachland zum Abend bereits mit weitgehend trockenen (wenn auch kühlen) Verhältnissen rechnen kann, wird es im Nordstau des Alpenrands wohl noch länger nass bleiben.

Interessant wird es dann noch mal mit der vierten Front im Lauf des Samstags. Die Höhenkaltluft kommt zwar hintendrein wie das orthodoxe Weihnachsfest, kann aber noch mal für den einen oder anderen kräftigeren und mitunter gewittrigen Schauer gut sein. Ob dabei im 500 hPa-Niveau die -22 Grad wie von GFS gezeigt die Schweiz erreichen oder doch nur -20, wird das Zünglein an der Waage ausmachen. Dabei sinkt die (Vorsicht: Fremdwort!) Schneefallgrenze in der Nacht auf Sonntag theoretisch auf knapp unter 2000 Meter. Theoretisch deshalb, weil noch nicht restlos geklärt ist, wie viel Feuchtigkeit mitgeführt wird und entsprechend überhaupt noch nennenswerter Niederschlag fällt.

Jedenfalls ist am Sonntag der ganze Spuk bereits wieder vorbei, denn sowohl am Boden wie auch in der Höhe baut sich wieder Hochdruck auf, womit der eingangs erwähnte Temperaturanstieg eingeleitet wird:

Der Sonntag somit zwar zu Beginn ordentlich frisch, mit zunehmendem Sonnenschein tagsüber aber bereits wieder erträglich. Einzig in den Bergen wird es mit der Auflösung der Wolken wohl etwas länger dauern, aber spätestens am Montag sollte man auch hier Prachtswetter geniessen können (Geheimtipp: gute Fernsicht in der frisch eingeflossenen Meeresluft).

Am Dienstag kommen wir bereits wieder in die Nähe der Hitzemarke und weil sich von Westen her das nächste Tief nähert, ist wohl auch die Gewittersaison noch nicht vorbei. Lassen wir uns überraschen!

Und wegen der Trockenheitsthematik zum Schluss noch eine ungefähre Niederschlagssummenkarte dessen, was von Donnerstagmittag bis Sonntag früh in etwa zu erwarten ist:

Gewittervorschau 17.-23.08.2018

In der Nacht vom 09./10.08.2014 beendete eine Kaltfront den Sommer, der gefühlt gar keiner war.

Sie kam durch die Hintertür angeschlichen: die Normalisierung. Von April bis Anfang August herrschte in Europa der meteorologische Ausnahmezustand, hervorgerufen durch ein blockierendes Hoch mal über Skandinavien, mal über der Nordsee, mal eher über dem östlichen Mitteleuropa. Atlantische Störungen hatten keinerlei Chance, auf den Kontinent einzudringen, was vielerorts Hitze und lang anhaltende Trockenheit zur Folge hatte. Nun haben wir zwar immer noch Sommerwetter, es gibt immer noch sehr warme bis heisse Phasen, doch sie werden immer wieder durch Angriffe atlantischer Fronten unterbrochen. Völlig normaler mitteleuropäischer Sommer also, könnte man die Vorgeschichte einfach ausblenden. Der nächste Versuch, das Ende des Hochsommers einzuläuten, wird in den kommenden Tagen unternommen. Noch gelingt das nicht wirklich, schon gar nicht wie in anderen Jahren ungefähr Mitte August mit einem nachhaltigen Einbruch kühlerer Luftmassen, doch auch steter Tropfen höhlt den Stein. Man sollte sich schon mal gedanklich darauf vorbereiten, dass die Tage mit Hitze und Schwergewitterlagen allmählich gezählt sind.

Bereits Anfang August hat sich das Zirkulationsmuster vom Nordatlantik bis Nordeuropa umgestellt. Seither befinden wir uns mehr oder weniger in einer für den Sommer typischen schwachen Westlage, die gelegentlich durch Austrogungen über Westeuropa unterbrochen wird. Eine solche Situation zeigt uns auch die Karte mit den grossräumigen Strömungen und den Druckverhältnissen in der Höhe für Freitag:

Durch die Austrogung schaufelt sich das Tiefdrucksystem über dem Nordatlantik gleich das eigene Grab: Vorderseitig wird durch Warmluftzufuhr aus Süden über Mittel- und Osteuropa hinweg bis weit in den Norden die Bildung eines Höhenrückens gestützt, auf den die aus Westen heranrückende Kaltfront (es kommt uns so sehr bekannt vor!) über Mitteleuropa aufgerieben wird. Gleichzeitig rückt aus Westen bereits ein neuer Keil des Azorenhochs nach, der den Trog regelrecht in die Zange nimmt. Folge davon: Über Südfrankreich sehen wir den Beginn eines Abtropfprozesses, der für den Alpenraum von Bedeutung ist. Am Freitagabend präsentiert sich die Lage in rund 5800 m Höhe wie folgt:

Hier sehen wir die ungemütliche Situation des Troges: Die Höhen“kalt“luft, markiert durch knallgelbe bis hellgrüne Bereiche, wird regelrecht zerrissen. Und zwar genau westlich der Schweiz. Der abgetropfte Rest vertschüsst sich nach Südosten in den Golf von Genua, der Muttertrog haut nach Nordosten ab, von der Biskaya her kann sich eine neue Hochdruckbrücke aufbauen. Richtige Höhenkaltluft kann die Schweiz somit gar nicht erreichen, sehr wohl aber bodennah kühlere Luft. Was dies bewirkt, haben wir bei den letzten beiden Kaltfronten gesehen: Gross angekündigt, geschah nahezu nichts – jedenfalls nicht flächig. So ähnlich wird es auch diesmal, und doch ein wenig anders. Durch die Bildung eines eigenständigen Tiefs südlich der Schweiz dreht der Wind in den unteren Luftschichten nämlich bereits früh am Freitag auf Nordwest:

Die dadurch entstehende Divergenz westlich der Schweiz bewirkt Absinken, Druckanstieg und ein Auflösen der Kaltfront, noch bevor sie die Schweiz erreicht. Allenfalls wird sie am Vormittag über dem Jura noch schwach aktiv sein. Die als Joran über den Jura schwappende kühlere Luft stabilisiert die Schichtung über dem Mittelland. Sobald sie jedoch die Rampe zu den Voralpen erreicht, verstärkt sie dort die Hebung. Entsprechend zeigen die meisten Modelle verbreitete Bildung von zunächst Einzelzellen im Lauf des Nachmittags entlang des gesamten Alpennordhangs. Zwischen dem Resttrog im Norden und dem CutOff-Tief im Süden befindet sich die Schweiz in mittleren Luftschichten in der Flautezone. Die Gewitter werden also nahezu ortsfest sein und können so sehr lokal zu grossen Regenmengen in kurzer Zeit führen. Da kaum Scherung vorhanden ist, entsteht nur kleinkörniger Hagel, dieser kann aber unter Umständen hohe Dichten erreichen. Was in der Folge passiert, könnte durchaus spannend sein: Die Outflows der Voralpengewitter konvergieren im Mittelland mit dem synoptisch induzierten Nordwestwind, sodass im Verlauf des späteren Nachmittags und Abends auch über dem Mittelland neue Zellen entstehen können. Dabei sind Verclusterungen möglich, die eine Eigendynamik entwickeln und sich völlig chaotisch bewegen und fortpflanzen. Wie stark diese Entwicklungen ausfallen und vor allem wie lange sie in die Nacht hinein überleben, ist stark davon abhängig, wie viel Kaltluft aus Nordwesten nachströmen kann. Da der geschilderte Abtropfprozess in den Modellen nicht einhellig berechnet wird, bestehen diesbezüglich noch einige Unsicherheiten.

Der Nordwestwind in den unteren Luftschichten bewirkt am Samstagmorgen einen leichten Stau an der Alpennordseite. Einzelne Modelle wollen eine Kombination aus Lake-Effekt und Stau am Südostende des Bodensees und im Bregenzerwald sehen, eine Konzentration hoher Niederschlagsmengen in diesem Gebiet deutet zumindest darauf hin. Ob die Labilität mangels echter Höhenkaltluft dafür und eventuelle Wasserhosen wirklich ausreicht, ist fraglich. Am Samstag tagsüber zeigt sich die Schweiz zweigeteilt:

Wir sehen, dass die feucht-warme Luft inneralpin und im Süden nicht ausgeräumt wird, dazu reicht die schwache und seichte Nordwestströmung nicht aus. In den Alpen und im Süden kommt es somit im Tagesverlauf zu weiteren Schauern und unorganisierten Gewittern. Im Mittelland und Jura zieht wegen des Druckanstiegs nördlich die Bise an, es wird rasch trocken und teilweise sonnig. Man erkennt an obiger Karte aber auch, dass die echte kühle Luft nicht bis zu uns vordringt und über Frankreich verharrt (und dort allmählich erwärmt wird – noch haben wir ja Sommer und das von Westen aufrückende Hoch hilft zusätzlich nach).

Die weiteren Aussichten:

Die neue Hochdruckbrücke löst das, was vom Trog übriggeblieben ist, spätestens am Sonntag völlig auf: Es kommt zu einer antizyklonalen Westlage. Diese Wetterlage erreicht im August das statistische Maximum des Auftretens im Jahresverlauf, ist also sehr jahreszeittypisch. Von den in Nordeuropa aktiven Tiefdrucksystemen können immer wieder schwache Störungen bis zu den Alpen vordringen, bringen aber kaum Regen, sondern nur gelegentliche Wolkenfelder. Lokale Regengüsse oder maximal kurzlebige Gewitter können nur vereinzelt in den Alpen entstehen – falls überhaupt. Erst ab Mittwochabend nehmen die Signale für (schwache) Niederschlagswahrscheinlichkeit am Gitterpunkt über dem Berner Seeland – repräsentativ für das gesamte Flachland – langsam zu. Wie man am stark streuenden Temperaturverlauf sieht, ist die Entwicklung ab Donnerstag völlig offen. Immerhin ist ein etwas nachhaltigerer Vorstoss kühler Luftmassen nicht mehr völlig ausgeschlossen, doch bis dahin fliesst trotz niedrigem Pegel noch etliches Wasser den Rhein hinunter.

Gewittervorschau 06.-12.08.2018

Allmählich scheint sich ein Ende der längsten zusammenhängenden Hitzewelle seit dem Ausnahmesommer 2003 abzuzeichnen – allerdings kommt die Abkühlung in Raten und ist noch mit einigen Unsicherheiten verbunden. Das Interessante dabei ist für uns, dass mit diesem Abstottern anstelle eines einmaligen Ausräumens der Heissluft nun doch eine Serie von spannenden Gewitterlagen ansteht. Dabei ist ein bisschen von allem vorhanden: Dynamische Kaltfronten ebenso wie chaotische Entwicklungen in nahezu stehender Luft. Dabei gilt es allerdings schon zu beachten, dass nun mit jedem Schritt der Hochsommercharakter und somit die Heftigkeit etwas verloren geht. Der im August nun spürbare Rückgang von Tageslänge und Energieeintrag macht sich allmählich auch bei der „Qualität“ der Gewitter bemerkbar. Dieser Wermutstropfen wird dadurch wettgemacht, dass mit täglich anderen Ausgangsbedingungen viel Abwechslung und Spannung im Spiel ist.

Die Karte mit den grossräumigen Druckgebilden und Strömungen in etwa 5500 m Höhe (Titelbild) zeigt auf, dass der lange dominierende Hochdruckblock über Skandinavien wegerodiert wurde und sich nun doch eine allmähliche Zonalisierung – also eine Rückkehr zu westdominierter Zirkulation – einstellt. Allerdings steht die Westdrift noch auf schwachen Füssen: Vor den Westküsten Europas ist bereits der Beginn einer Austrogung zu sehen, begünstigt durch das starke Gefälle der Wassertemperatur zwischen zentralem Nordatlantik und den Randmeeren. Die noch schwache Westlage wird somit immer wieder durch Trog Westeuropa unterbrochen, wobei noch nicht so ganz klar ist, ob diese Tröge mit der Zeit auch nachhaltig auf den Kontinent übergreifen können – was die Voraussetzung für eine dauerhafte Abkühlung wäre. Wenden wir uns aber der etwas gesicherteren Kurzfrist zu:

Ebenfalls auf der Titelgrafik ist zu sehen, dass sich der Alpenraum am Montag direkt unter einer schwachwindigen Zone mit gleichzeitiger Ausbildung eines kleinen Höhentrögleins befindet. Am Boden verliert das Hoch über Zentraleuropa zum Abend allmählich den Einfluss auf die Schweiz. Weder am Boden, noch in mittleren und höheren Luftschichten ist nennenswerte Bewegung auszumachen. Bei gleichzeitig extrem energiereicher Luft ist das Pulverfass voll, fehlt also nur noch der sprichwörtliche Funke. Dieser ist heute mit der starken Sonneneinstrahlung gegeben, und als Zündschnur dienen die Gebirge, wo es als erstes auslöst. Ohne diese würde nämlich mit hoher Wahrscheinlichkeit überhaupt nichts passieren, zu stark ist die Lage gedeckelt. Nun könnte man meinen: typische Berg-Gewitterlage, im Flachland trocken – doch der Schein trügt. Die ersten Gewitter in den Alpen und Voralpen (ev. auch im Jura) können nämlich heftig genug sein, um kräftige Outflows auszulösen. Sofern diese die „richtigen“ Wege finden und im Mittelland aufeinander stossen, entstehen kräftige Konvergenzen, welche die aufgeheizte Suppe in die Höhe drücken. Damit entstehen scheinbar zufällig und chaotisch irgendwo im Flachland neue Gewitter, welche wiederum Outflows produzieren usw… Ein COSMO-Lauf vom Sonntagabend hat Kettenreaktionen gerechnet, die dem Szenario auf einem Billardtisch ähneln. Aufgrund der schwachen Verlagerung und geringen Scherung liegt die Hauptgefahr in lokalen Überflutungen und kräftigen Downbursts bis hin zu schweren Sturmböen. Hagel sollte unter diesen Bedingungen eher kleinkörnig bleiben, kann jedoch beachtliche Dichten erreichen.

Am Dienstag ändert sich insofern etwas, als dass sich über Frankreich mit der Entwicklung des Troges über dem nahen Atlantik am Boden das erste Randtief bildet. Somit kommt in der zweiten Tageshälfte in mittleren Lagen Südwestwind auf:

Ansonsten haben wir dieselbe Luftmasse wie am Montag, es braucht also wieder die Auslöse in den Bergen. Doch diesmal läuft es in geordneteren Bahnen ab: Zumindest im Jura werden die Zellen die klassische Südwestschiene fahren, also mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Nordwestschweiz hinaus ziehen. Aus den Alpen und Voralpen heraus ist die Zuggeschwindigkeit deutlich geringer, hier werden Neuentwicklungen wahrscheinlich erneut hauptsächlich durch die Outflows aus den Tälern ins Mittelland geprägt sein. Die Gefahrenlage bleibt in Alpennähe gleich wie am Montag, in Juranähe ist hingegen auch grösserer Hagel möglich.

An dieser Situation ändert sich am Mittwoch vorerst noch nichts, der westeuropäische Trog rückt allerdings langsam näher und damit nimmt in der Höhe auch der Südwest- bis Südwind zu. Abzuwarten bleibt, was aus Südwesten eventuell an Clustern importiert wird, welche die klassischen tageszeitlichen Abläufe etwas durcheinander bringen können. In den Ostalpen kann es allmählich leicht föhnig werden.

Richtig spannend wird es am Donnerstag mit der aufrückenden Kaltfront:

Für Details ist es auf drei Tage hinaus noch zu früh: Zu sehr können Föhneinfluss, Wellenbildungen in der Front und Verzögerungen das Timing beeinflussen. Jedenfalls muss hier das Augenmerk auf potenziell heftige Entwicklungen gerichtet werden. Je nachdem zu welcher Tageszeit und mit welcher Geschwindigkeit die Front vorankommt, ist die Sturmgefahr durch eine vorauseilende Druckwelle hervorzuheben. Dass ein derartiger Luftmassenwechsel allgemein mit heftigen Gewittern und Hagel einhergehen kann, ist wahrscheinlich bekannt. Wir empfehlen die zeitnahe Konsultation des Donnerradars mit bei Bedarf laufend aktualisierten Kurzwetterberichten bzw. Unwetterwarnungen.

Am Freitag ist dann mal durchlüften und durchschnaufen angesagt. Erstmals seit fast zwei Wochen bleibt die Temperatur in weiten Teilen der Schweiz unter 25 Grad. Die Reste der Front ziehen wahrscheinlich im Tagesverlauf nach Osten ab und es wird im Mittelland rasch wieder trocken und zeitweise sonnig, entlang des zentralen und östlichen Alpennordhangs halten sich noch länger Wolken mit etwas Regen.

Die Abkühlung ist allerdings nicht von langer Dauer. Nach den aktuellen Unterlagen stellt sich am Samstag ruhiges Hochdruckwetter mit erneut hochsommerlichen Temperaturen ein. Am Sonntag ist bereits wieder die 30-Grad-Marke in Reichweite, bei den wärmsten Modellberechnungen mit 18-20 Grad in 850 hPa kann sie auch wieder überschritten werden:

Ob bereits im Lauf des Sonntags oder erst am Montag die nächste Kaltfront folgt, schauen wir uns dann besser zeitnah an.

Mondfinsternis- und Gewittervorschau 27.07.-02.08.2018

Ganz so klar wie in der Nacht zum 28.09.2015 in Bern wird die Luft bei der heutigen Mondfinsternis nicht sein.

Wir haben es ja hier nicht so mit reisserischen Schlagzeilen, aber wenn sich die Gelegenheit schon bietet, die längste Mondfinsternis des Jahrhunderts in den Wochenbericht einzubauen, dann ergreifen wir sie auch. Ob sich das auf das Erlebnis besonders auswirkt, wenn die Totalitätsphase ein paar Minuten länger dauert als üblich – nun ja: Hauptsache, uns wurde es heute auf allen Kanälen von früh bis spät bewusst gemacht. Sehen kann man das Spektakel kurz nach Sonnenuntergang fast überall, wo man genügend Abstand zu höheren Hindernissen am Südosthorizont hat. Ausnahme sind Teile der Alpensüdseite und Graubündens, wo das eine oder andere Hitzegewitter bzw. dessen Cirrenschirm die Sicht vorübergehend eintrüben kann. Die aus Westen aufziehenden Schleierwolken hingegen kommen spät genug, ausser man befindet sich gerade in der Romandie. Damit wäre auch schon zum eigentlichen Thema dieses Blogs übergeleitet: Aus Westen nähert sich eine Kaltfront – wobei man sie eigentlich Bitzliwenigerheissfront nennen müsste.

Der Überblick über die grossräumigen Strömungen und Druckgebilde in rund 5500 m Höhe zeigt uns eine straffe Westströmung vom Atlantik nach Mitteleuropa gerichtet, wo sie jedoch scharf nach Nord bis Nordwest umbiegt: Die Grosswetterlage dazu nennt man Winkelwest und wird gemeinhin mit Frontenfriedhof irgendwo in Mitteleuropa in Verbindung gebracht. Das ist auch diesmal nicht anders.

Andersrum: Wir können uns schon fast nicht mehr daran erinnern, wann letztes Mal eine atlantische Front auf Europa übergegriffen hat, nämlich Ende April. Auch diesmal könnte es bei einem mehrmaligen Anlauf der Westlage bleiben, bis das Hochdruckbollwerk über Skandinavien weggehobelt ist. Ob dies im Lauf der nächsten Woche gelingt, darüber sind sich die Modelle noch nicht einig. Die Erhaltungsneigung spricht dagegen, die Siebenschläfer-Regel auch: Für eine Umstellung ist es eigentlich zwei bis drei Wochen zu früh. Möglicherweise sind da die Schwergewichte in der Modellwelt wie schon öfters in den letzten Monaten auf dem fehlgeleiteten „Normalisierungstrip“. Lassen wir uns überraschen.

Jedenfalls kommt da am Samstag etwas herangeschlichen:

Wir sehen zwei Luftmassengrenzen (eine über der Schweiz, eine zweite über Frankreich), gleichzeitig aber auch, dass sich am Abend bereits wieder Hochdruck am Boden aufbaut. Die Front läuft voll ins hohe Geopotenzial im Osten rein und wird aufgerieben. Fragt sich nur, wo genau die Abschwächung erfolgt: genau über der Schweiz oder nachdem sie über uns hinweggezogen ist? Nicht sehr lustig für Meteorologen und daher Nowcasting-Sache: Es gibt sowohl Unwetter- wie Flop-Potenzial. Da ist einerseits das bereits erwähnte hohe Geopotenzial im Osten, aber auch die bodennah fehlende Feuchte. Auf der Vorderseite muss man also gar nicht erst mit verstärkenden Faktoren rechnen. Da muss der Westen liefern, und so werden wir wahrscheinlich erst gegen Mittag sehen, was auf uns zukommt. Vorlaufend viel hohes Gewölk, das die Sonneneinstrahlung bremst? Ein Kaltluft-Blast, der die Entwicklung von der Grundschicht her bremst? Es riecht ganz schwer danach. Trotzdem sollte man auf ein heftigeres Ereignis gefasst sein – und sei es nur ein vorlaufender Sturm, auf den hinterher gewittriger Regen folgt. Alle, die auf das lang ersehnte Nass von oben warten: Schraubt die Erwartungen besser nicht zu hoch, damit die Enttäuschung nicht umso höher ausfällt. Die Zuggeschwindigkeit der Front ist nämlich derart hoch, dass auch ein kräftiger Gewitterregen rasch vorbei ist. Mengenmässig wird das Ereignis also weit davon entfernt sein, die Trockenheit zu beenden. Andersrum dürfen sich all jene freuen, die am Abend draussen etwas vorhaben: Dann ist nämlich das Gröbste bereits vorbei, zumindest in der westlichen Landeshälfte.

Wer nun denkt, dass sich am Sonntag die übliche Rückseite mit Nordstau an den Alpen einstellt: Weit gefehlt! Vielleicht hängen am frühen Morgen noch ein paar Wolken an den östlichen Bergen rum. Dann jedoch dreht die Höhenströmung bereits wieder auf Südwest und auf den Druckanstieg am Boden folgt sogleich auch noch ordentliche Warmluftadvektion in der Höhe: Das Geopotenzial steigt wieder kräftig an und killt jegliche Schauerambitionen – von Gewittern sollte man gar nicht erst zu träumen anfangen. Stattdessen liegt die 30-Grad-Marke bereits wieder in bequemer Reichweite.

Und dann folgt in den nächsten vier Tagen Copy-Paste das, was wir bereits diese Woche hatten:

Ein kräftiger Höhenrücken über Mitteleuropa mit dem einzigen Unterschied, dass die 500-hPa-Temperatur diesmal gar auf -8 Grad ansteigt. Also noch mehr Deckel als zuletzt. Für einzelne Hitzegewitter braucht es diesmal noch viel mehr positive Zutaten vom Boden her.

Genau auf den 1. August bzw. in der Nacht auf den 2. folgt der nächste Angriff aus Westen. Nach den jetzigen Unterlagen ist aber diese erneute Bitzliwenigerheissfront noch weniger aktiv als die vom Samstag. Dies zeigt zumindest der Blick auf die Ensembles, wo man Niederschlagssignale mit der Lupe suchen muss. Womit wir das Thema hier gleich ohne Gewissensbisse beenden können:

Also geniesst den Blutmond (ups, jetzt ist mir dieses Wort doch noch rausgerutscht – ist gut für die Suchmaschinen…) heute Abend und mit viel Glück das Gewitter am Samstag – danach hat uns der Himmel wahrscheinlich nicht mehr allzu viel zu bieten.

Gewittervorschau 20.-26.07.2018

Eigentlich ist das festgefahrene Zirkulationsmuster für Meteorologen eine dankbare Sache, zumindest was mittelfristige Prognosen angeht: So wurde die potenzielle Unwetterlage für heute Freitag bereits vor einer Woche von den Modellen recht gut erfasst, weil die Systeme recht träge sind, wenn nicht gerade ein kleiner Kaltlufttropfen in die Suppe spuckt. Leider kann man sich dafür in der Kurzfrist nix kaufen, wenn die Gewittersysteme, die noch entstehen sollen, von den Lokalmodellen alle 3 oder 6 Stunden völlig anders gerechnet werden. Das Problem liegt diesmal nicht in der Erfassung der Intensität oder der geographischen Verteilung, sondern auf der zeitlichen Skala. Man kann somit recht sicher sagen, dass es irgendwann im Verlauf der zweiten Tageshälfte in weiten Teilen der Schweiz recht grob zur Sache geht, nur leider nicht, ob dies an einem bestimmten Punkt am frühen oder späten Abend oder erst in der Nacht geschieht. Man kann dann nur hoffen, dass die trockenen Zeitfenster zwischen zwei Gewittersystemen sich an den Fahrplan halten, wenn man z.B. bei Freilichtveranstaltungen darauf angewiesen ist.

Die Strömungskarte im Titelbild mit den Drucksystemen in rund 5500 m Höhe zeigt den vor einer Woche bereits angekündigten Westeuropa-Trog, auf dessen Vorderseite heute sehr warme und zunehmend feuchte Luft aus Südwesten herangeführt wird. Dieser Trog bewegt sich im Lauf des Wochenendes unter Abschwächung sehr langsam über Mitteleuropa hinweg nach Osten, um sich dann dort zu Beginn der kommenden Woche als abgetropftes Tief festzusetzen. Dabei ist noch nicht ganz klar, wie lange sein Einfluss besonders auf die östlichen Landesteile noch anhält.

Von höchstem Interesse bezüglich Unwettergefahr ist aufgrund der vorhandenen Energie und Labilität vor allem der heutige Freitag. -14 Grad in 500 hPa und gegen +18 Grad in 850 hPa lassen keine Zweifel offen, dass da ordentlich Zunder in der Atmosphäre liegt. Man darf sich von kleinräumigen „Wärmeblasen“ in mittleren Luftschichten nicht täuschen lassen, die in manchen Modellen gerechnet werden: Sie weisen höchstens darauf hin, dass da ordentlich viel warme Luft vom Boden in die Höhe gesogen wird. Verstärkt wird dieser Auftrieb zusätzlich durch Divergenz in rund 9 km Höhe, wo der verkrüppelte Jetstream wieder mal kurz vorbeischaut:

Die dicht gedrängten Linien mit dem Plus im Zentrum über dem Jura zeigen extreme Divergenz in der Höhe an. Wo die Luft derart stark auseinander strömt, muss von unten Nachschub folgen. Man kann jetzt natürlich die Huhn-oder-Ei-Frage stellen: Was war zuerst, das Saugen von oben oder das Hochdrücken von unten? Für uns schlussendlich egal: Es zeigt uns einfach an, dass da gewaltige Kräfte im Spiel sind, welche die Luft (und somit Wasser und Eis) in sehr grosse Höhen verfrachten und damit perfekte Bedingungen für die Bildung von grossem Hagel gegeben sind. Entsprechend zeigen die experimentellen Hagelkarten von Estofex im Jura und den westlichen Voralpen potenzielle Korngrössen bis 6 cm an. Stellt sich also nur noch die Frage des Timings: Die bereits jetzt vor Mittag starken Quellungen lassen darauf schliessen, dass im Lauf des Nachmittags vielerorts, aber noch hauptsächlich auf das Relief beschränkt, heftige Gewitter losbrechen. Nebst der bereits angesprochenen Hagelgefahr muss lokal auch mit Sturzfluten gerechnet werden. Die Zuggeschwindigkeit ist nämlich mit rund 30 km/h nicht gerade sehr hoch. Dass solch heftige Gewitter auch für lokale Downbursts sorgen können, versteht sich von selbst. Und dann folgt der Schlüsselmoment: Je heftiger sich die Gewitter am Nachmittag austoben, umso höher ist die Chance, dass sich in den Abendstunden ein ruhigeres Fenster auftut (für alle, die noch etwas draussen vorhaben). Zwischen den in der Westhälfte der Schweiz entstandenen Gewittern und einem wahrscheinlich über Frankreich entstehenden System muss nämlich die hochgepumpte Luft mal absinken. Dauer, Zeitpunkt und Zuverlässigkeit dieser ruhigeren Phase ist somit von der Aktivität am Nachmittag einerseits und derjenigen über Frankreich abhängig. Und dann stellt sich natürlich die Frage: Wie vital kommt das System aus Frankreich am späten Abend oder in der Nacht noch in der Schweiz an? Denkbar ist ein noch gesundes MCS mit grossräumiger Gewittertätigkeit, hohen Blitzraten und einer durchs Mittelland laufenden Druckwelle mit Sturmböen. Besser für die Natur und die Landwirtschaft wäre hingegen ein sich bereits abschwächendes System mit flächigem, aber nicht zu heftigem und gewittrig durchsetztem Regen, das in der Nacht durchzieht. Die Modelle haben alle möglichen Abstufungen im Programm, endgültig wissen tun wir es wahrscheinlich erst wenige Stunden vor dem Eintreffen.

Am Samstag zieht der Trog allmählich über die Schweiz hinweg nach Osten. Wie schnell er das tut, darüber sind sich die Modelle nicht einig. Klar ist, dass es tagsüber meist bewölkt ist und immer wieder Schauer und Gewitter niedergehen. Organisiert ist die Sache wahrscheinlich nicht mehr, somit sind Ort und Zeitpunkt der Regengüsse eher zufällig. Immerhin dürfte ein Grossteil der Fläche mal etwas abbekommen, wenn auch die Verteilung nicht immer ganz gerecht sein wird. Fraglich ist, ob sich die Sache am Abend bereits beruhigt (wieder für jene, die draussen etwas vorhaben), oder ob es noch weit bis in die Nacht immer wieder mal nass werden kann.

Am Sonntag befinden wir uns auf der Rückseite des Troges in einer Nordströmung:

Die bodennahe feuchte Luft wird dabei nicht ausgeräumt, sondern im Gegenteil an die Alpennordseite gedrückt. Die Labilität ist nur noch mässig, sodass die Unwettergefahr deutlich sinkt, dennoch muss man den ganzen Tag immer wieder mit gewittrigen Schauern rechnen. Am Alpennordhang kann es auch länger anhaltend regnen, der Natur wäre es zu wünschen.

Erst im Lauf des Montags macht sich ein aus Westen aufrückender Bodenhochkeil allmählich bemerkbar. Wie stark er die Luft bereits abzutrocknen vermag und wie gross der Einfluss der Höhenkaltluft im Osten noch sein wird, bleibt abzuwarten. Vermutlich wird es in der östlichen Landeshälfte vor allem über den Bergen schaueranfällig bleiben, während es im Flachland und im Westen mit zügiger Bise bereits weitgehend trocken und zunehmend sonnig wird. Da die Modelle den Hochdruckeinfluss aber in den letzten Läufen verzögert haben, ist das letzte Wort diesbezüglich wohl noch nicht gesprochen…

Am Dienstag sollte der verbliebene Rest des Troges, der sich inzwischen zu einem eigenständigen Tief abgeschnürt hat, östlich genug zu liegen kommen um keinen Einfluss mehr auf die Schweiz ausüben zu können. Aus heutiger Sicht ist der Dienstag der stabilste Tag, allerdings ist der Höhenrücken zwischen dem Tief im Osten und einem sich neu bildenden Atlantiktrog recht schmal. Lassen wir uns überraschen, wie sich das auf den Mittwoch auswirkt:

Manche Modelle lassen das CutOff-Tief im Osten wieder etwas zurück nach Westen driften, womit die Schweiz von zwei Seiten in die Zange genommen wird. Die mancherorts herausgegebene Variante „trocken-heiss open End“ ist somit noch lange nicht in Stein gemeisselt. Doch auch wenn der Höhenkeil genau über uns hält, so ist aufgrund der starken Erwärmung am Mittwoch und Donnerstag über den Bergen mit lokalen, aber durchaus kräftigen Hitzegewittern zu rechnen.

Gewittervorschau 14.-19.07.2018

Erdbeeren, Kirschen und Aprikosen sind abgeerntet, ebenso ein Grossteil des Getreides. Der Mais steht (zumindest dort, wo er – woher auch immer – genügend Wasser zur Verfügung hatte) teilweise bereits drei Meter hoch und trägt fette Kolben. An manchen Bäumen setzt wegen der Trockenheit bereits der Gilb ein und in den letzten Tagen sanken die Temperaturen frühmorgens in den einstelligen Bereich, Nebelfelder breiteten sich entlang von Gewässern aus. Die Quellwolken verdienten selbst über den Bergen den Namen nicht, kamen oft nicht über Stratocumulus-Niveau hinaus. All dies erinnert an Spätsommer, wenn nicht sogar an Frühherbst, und man begann sich die Frage zu stellen, ob die Gewittersaison zu Ende geht, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat. Luftmassen aus nordöstlicher Richtung waren meist zu trocken, jene aus nördlicher bis nordwestlicher zu kühl – es fehlte schlicht die Energie, um eine ordentliche Gewitterlage zu produzieren. Doch nun, da wir uns allmählich den Hundstagen nähern, scheint sich in der grossräumigen Zirkulation doch allmählich so etwas wie Normalität einzustellen, zumindest der Wille dazu ist vorhanden.

Schaut man sich die Druckverteilung und Windströmungen in der Höhe (ca. 5500 m) an, so erkennt man derzeit eine aus West bis Südwest zu den Alpen gerichtete Strömung, die allmählich energiereichere Luftmassen zu uns bringen:

In diese Strömung eingebettet sind zudem mehrere kleine Höhentiefs, welche für ordentlich Labilität und Hebungsantrieb sorgen: beste Zutaten für eine Schwergewitterlage. So einfach ist es dann leider doch nicht, denn am Boden sieht die Sache völlig anders aus:

Hier erkennen wir über Deutschland ein – wenn auch schwaches – Bodenhoch, welches im Gegenuhrzeigersinn weiterhin trockene Luft zur Alpennordseite führt. Im Mittelland herrscht somit eine schwache Bise, welche die Grundschicht etwas austrocknet und stabilisiert, in der Höhe haben wir West-Südwest mit feuchtwarmer Luft und Hebung. Das sind zwei Gegenspieler, welche die Prognosen extrem verkomplizieren. Entsprechend tischt uns jedes Lokalmodell bezüglich geografischer Verteilung, Zeitpunkt und Intensität von Gewittern eine andere Variante auf. Überraschungen gab es bereits am Freitag den Voralpen entlang und auch Samstag früh wieder mit Entwicklungen, welche die Modelle entweder gar nicht auf dem Schirm hatten oder erst dann, als das Kind bereits in den Brunnen gefallen war. Doch es nützt alles Lamentieren nichts, da müssen wir durch und hoffen auf Verständnis bei den Kunden, welche auf klare Ansagen angewiesen sind. Es bleibt heute und in den kommenden Tagen dabei, dass Entwicklungen erst recht kurzfristig zu erkennen sind. An manchen Standorten kann man aufgrund der Erfahrung die Wahrscheinlichkeit eines Gewittertreffers etwas besser einschätzen, es bleibt aber eine Lotterie. Zumal keine Fronten oder grosse Cluster zu erwarten sind, die ganze Sache also meist sehr unorganisiert und kleinräumig abläuft. Mit einer gewissen Eigendynamik aufgrund der Windscherung ist aber jederzeit zu rechnen, sodass einzelne Zellen durchaus auch mal mittelgrossen Hagel und Sturmböen produzieren können. Ansonsten ist eher Starkregen die Hauptgefahr, wobei die Gewitter bei mässiger Zuggeschwindigkeit immerhin für etwas Verteilung sorgen.

Etwa ab Donnerstag (die Modelle schwanken da noch um etwa einen Tag hin und her) stellt sich die Grosswetterlage Trog Westeuropa ein, womit wir auf die Vorderseite gelangen und aus Südwesten wahrscheinlich auch bodennah sehr warme bis heisse und zunehmend auch feuchte Luftmassen herangeführt werden:

Das wäre dann – vorausgesetzt es trifft so ein – die erste hochsommerliche Schwergewitterlage dieser Saison. Details bleiben abzuwarten, so etwa das Vorankommen des Troges nach Osten und allfällige Abtropfprozesse zum Wochenende hin oder föhnige Einschübe: alles Futter für die nächste Gewittervorschau.

Gewittervorschau 19.-24.05.2018

Waschküchenwetter im hinteren Emmental am 28.05.2017: Einzelzellen mit leichter Tendenz zur Verclusterung

Seltsame Blüten treibt er, dieser Frühling 2018. Wollte er im März gar nicht in die Gänge kommen, beeindruckte er im April durch häufige Süd- und Hochdrucklagen. Die nordhemisphärische Zirkulation bleibt auch im Mai massiv gestört. Meridionale Zirkulationsmuster treten Frühling zwar am häufigsten auf, doch die andauernde Blockade ist dieses Jahr doch sehr aussergewöhnlich. Der im April noch häufig über Mittel- und Osteuropa herrschende Hochdruckblock hat sich langsam nach Norden verschoben und sitzt nun festgetackert über Skandinavien, wo fast täglich neue Mai-Rekorde bei den Höchstwerten gemeldet werden. Und bei uns hat sich ganz schleichend, durch eine bisige Hochnebellage ganz untypisch für den Frühling durch die Hintertür eine permanente Gewitterlage eingerichtet, deren Ende nicht absehbar ist.

Schauen wir uns die Grosswetterlage am besten anhand der Verteilung der Druckgebiete und der Winde in rund 5500 m Höhe in Europa an:

Zwischen dem bereits erwähnten Skandinavienhoch und dem Azorenhoch bildet sich eine Hochdruckbrücke über die britischen Inseln hinweg, welche die atlantischen Strömungen blockieren. Europa bleibt damit auch in den nächsten Tagen von jeglichen Angriffen der Westwindzirkulation abgeriegelt. Hin und wieder weist diese Brücke eine Schwachstelle auf, was es einem kleinen Tief erlaubt, nach Süden in Richtung westliches Mittelmeer abzutropfen. Diese „Eier“ irren in der Folge orientierungslos, da von Höhenströmungen abgeschnürt, irgendwo über Süd- und Mitteleuropa herum und sorgen mal für mehr, mal für weniger Labilität, bringen aber auch immer wieder genug Feuchte mit sich. Ein Ende des daraus resultierenden gepflegten Waschküchenwetters könnte allenfalls von Nordosten her drohen, wenn kontinentale Polarluft bis nach Mitteleuropa vordringt. Diese aktuell vom GFS-Hauptlauf bevorzugte Variante ist allerdings in den Ensembles und der globalen Modellwelt in der deutlichen Minderheit. Was bedeutet, dass wir noch einige Zeit mit der vorherrschenden Nordostlage mit zyklonalem Einschlag leben müssen. Wir verbleiben in recht warmen, mässig feuchten und ausreichend labilen Luftmassen:

Die Ensembles für den Gitterpunkt im Berner Seeland zeigen einen Anstieg der Temperaturen in rund 1500 m Höhe auf jahreszeitlich überdurchschnittliches Niveau, zudem wird das Tagesgangwetter mit Niederschlägen jeweils in der zweiten Tageshälfte gut abgebildet. Erst zum Ende der Woche nimmt die Unsicherheit mit der bereits oben erwähnten Möglichkeit des Einfliessens kühlerer und trockenerer Luftmassen aus Nordosten etwas  zu:

Luftmassen-Analyse für Do, 24.05.2018: Alpenraum in feucht-warmer Luft, aus Nordosteuropa stösst kühlere und trockenere Luft vor – fraglich ist, wie weit sie vorankommt

Für Samstag bis Donnerstag bleiben die Bedingungen für Gewitterbildungen somit im groben Muster gleich: Die im Mittelland lagernde mässige Feuchte (Nebel/Hochnebel in den Morgenstunden!) wird durch die starke Sonneneinstrahlung und somit einsetzender Thermik im Lauf des Vormittags in die Voralpen reingezogen, unterstützt durch etwas Bise. Bereits um die Mittagszeit bilden sich die ersten kleinräumigen Schauer und Gewitter über dem schneebefreiten Relief (niedrigere Voralpenhügel und besonnte Südhänge der höheren Voralpen), die sich aufgrund der nahezu fehlenden Höhenströmung kaum von der Stelle bewegen. Somit sind die vom Niederschlag betroffenen Gebiete zwar sehr eng begrenzt, doch können während der ungefähr einstündigen Lebensdauer einer Gewitterzelle durchaus schadenträchtige Niederschlagsmengen inklusive kleinkörnigem Hagel auftreten. Kommt hinzu, dass sich bei solchen Lagen die Zellen an immer derselben Stelle wieder neu bilden können, man also lokal durchaus von drei Gewittern in Folge getroffen werden kann, während es wenige Kilometer abseits ganztags trocken bleibt.

Am späteren Nachmittag können die Voralpen-Gewitter etwas verclustern, womit eine Eigendynamik in Gang kommt. Ist nämlich mal genug kalter Outflow vorhanden, können auch im zentralen Mittelland Konvergenzen mit der Bise und in der Nordschweiz welche mit dem durch den Oberrheingraben vorherrschenden Nordwind sowie Outflow von Schwarzwald-Gewittern entstehen. Es würde daher nicht erstaunen, wenn am Abend der Aargau und die Nordwestschweiz zu einem neuen Hotspot werden.

Diese Szenarien werden sich von Tag zu Tag ein wenig ändern, weshalb es völlig unsinnig wäre, hier zu sehr über die Abläufe der folgenden Tage zu spekulieren. Durch herumziehende schwache Höhen- und Bodentiefs verändern sich sowohl Höhen- wie Bodenströmungen täglich, wenn nicht sogar im Verlauf eines Tages stetig und lassen Gewitterschwerpunkte und -zugbahnen recht willkürlich erscheinen. So ist zum Beispiel am Montag schwacher Föhneinfluss möglich, am Dienstag ein wenig Westwind, bevor sich die Bisenlage wieder zurückmeldet. Was sich allerdings ändert, ist der Energiegehalt der Luftmasse. Durch die starke Sonneneinstrahlung (wir befinden uns nur noch einen Monat vor dem jährlichen Sonnenhöchststand!) erwärmt sich die Luftmasse von Tag zu Tag. Da sich Boden- und Höhenluft etwa in gleichem Mass erwärmen, bleibt die Labilität über den gesamten Zeitraum ungefähr gleich. Auf die Enstehungsbedingungen von Gewittern hat dies wenig Auswirkungen, allerdings können sie heftiger (stärkerer Niederschlag, mehr Hagel, stärkere Windböen, blitzintensiver) und langlebiger werden. Und sollte sich nicht die derzeit noch unwahrscheinlichere Variante der Abkühlung aus Nordosten durchsetzen, geht das auch zum  nächsten Wochenende einfach so weiter… Warm-feuchte Ostlage open end? Das Thema Trockenheit im Alpenvorland ist jedenfalls mal vom Tisch…

Sturmvorschau 16.-21.01.2018

Wir haben immer noch „Winter 2017/18“ und wie sollte es anders sein: Der nächste nasse Sack steht vor der Tür. Eine ganze Woche Verschnaufpause wurde uns gegönnt. Dabei haben wir ziemlich gelassen zugeschaut, wie die grossräumige Zirkulation über Europa so etwas wie eine Ostlage versucht hat hinzubekommen – sie war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Bereits in der Monatsprognose an Silvester habe ich erklärt, wieso der Atlantik eine Macht sein wird in diesem Januar. Nun hat sich das riesige nordamerikanische Kaltluftreservoir über den Nordatlantik ergossen und erzeugt dort gewaltige Temperaturunterschiede auf engstem Raum: Die beste Voraussetzung für die Bildung neuer Sturmtiefs, die per Express nach Europa geliefert werden. Die nächsten schlaflosen Nächte sind vorprogrammiert und wer sich draussen aufhalten muss, ist gut beraten, äusserste Vorsicht walten zu lassen.

Die grossräumige Druck- und Windverteilung in rund 5000 m Höhe im Titelbild kommt uns irgendwie bekannt vor: Wie bereits vor zwei Wochen erstreckt sich ein mächtiges Förderband über den Nordatlantik und zielt genau auf die Alpen, wo es angesichts des osteuropäischen Hochdruckblocks aufgefächert wird. Wetter wiederholt sich allerdings nie ganz genau und so gilt es auch diesmal, das Augenmerk auf die Details zu legen, soweit sie heute bereits abschätzbar sind.

Das erste Sturmfeld erreicht in der Nacht auf Dienstag den Jura, durch Kanalisierungseffekte kann es in den Tälern sowie am Jurasüdfuss und auf den Mittelland-Hügeln schon mal zu schweren Sturmböen kommen. Dabei steigt die Schneefallgrenze vorübergehend auf 1000 bis 1200 m an. Am Dienstag schleift die Kaltfront längere Zeit knapp nördlich der Schweiz. Die bodennahe Kaltluft dringt erst am Abend mit der Bildung eines Randtiefs südlich der Alpen richtig zu uns vor, womit auch in den Niederungen mit Schneefall zu rechnen ist. Nachdem der Wind tagsüber im Warmsektor permanent stark aus Südwest bläst, ist in den Abendstunden mit der Kaltfront ein zweiter Höhepunkt mit Winddrehung auf West zu erwarten. „Begünstigt“ für schwere Sturmböen sind in solchen Fällen der Hochrhein und die Bodenseeregion sowie etwas zeitversetzt die Eingänge zu den Alpentälern.

Am Mittwoch verbleiben wir auf der Rückseite der Kaltfront in vom Atlantik erwärmter Polarluft. Es kommt immer wieder zu teils kräftigen Schauern, meist in fester Form bis in tiefe Lagen – angesichts des starken Windes bleibt die Temperatur aber knapp zu hoch, um im Flachland eine ansehnliche Schneedecke zuzulassen. Dass der Schneematsch in den tiefen Lagen gefriert, ist ebensowenig zu befürchten, da in der Nacht auf Donnerstag bereits der Wolkenschirm der nächsten Warmfront aufzieht. Diese gehört zu einem Randtief, das sich heute Montag vor der US-Ostküste gebildet hat und am Dienstag am westlichen Rand der Karte auftaucht:

Dabei handelt es sich – getrieben vom oben erwähnten Förderband – um einen sogenannten Schnellläufer: Bereits 45 Stunden später soll er sich über Norddeutschland befinden.

Ist das Tief erst mal entstanden, kann seine ungefähre Zugbahn relativ gut prognostiziert werden. Es gibt aber immer Unsicherheiten, da sich geringe Veränderungen bei der hohen Zuggeschwindigkeit auf zwei Tage hinaus schnell mal auf 6 bis 12 Stunden bezüglich des Eintreffens bei uns aufsummieren können. Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist die Stärke des Tiefs. Diese dürfte in den nächsten Modelläufen noch mehrmals verschieden berechnet werden, es ist daher wenig sinnvoll,  bereits jetzt zu sehr über exakte Zahlen zur Sturmstärke zu spekulieren. Klar ist: Das Potenzial für einen schweren Sturm ist vorhanden. Die folgende Karte ist daher mehr als ungefähre Richtlinie zu verstehen:

Zu den ohnehin bereits beträchtlichen Windgeschwindigkeiten, verursacht durch den Druckgradienten, kommt die hohe Zuggeschwindigkeit des Randtiefs hinzu. Die dargestellte mittlere Windgeschwindigkeit von etwa 120 km/h in der Nordschweiz kann jederzeit böig zum Boden runtergemischt werden, wenn die Bedingungen stimmen. Da die Aufräumarbeiten nach dem Sturm „Burglind“ in unseren Wäldern bei weitem noch nicht überall abgeschlossen sind, ist damit zu rechnen, dass dieser Sturm vor allem bei bereits geschwächten Bäumen und an frisch entstandenen Windwurfflächen nachlegt. Dass man auch im Siedlungsgebiet angesichts solcher Aussichten alle notwendigen Sicherungsmassnahmen vornehmen sollte, versteht sich von selbst. Detaillierte Prognosen zum zeitlichen Ablauf und der Stärke sind erst am Mittwochabend möglich, es wird die Konsultation des bei Bedarf häufiger aktualisierten Unwetterberichts unter dem Radarloop von meteoradar empfohlen.

Nach den aktuellen Unterlagen handelt es sich diesmal in erster Linie um einen Warmsektorsturm. Die Schneefallgrenze steigt am Donnerstag wahrscheinlich bis auf etwa 1500 m an. Ein derart heftiger und vor allem lang andauernder Spülgang wie vor zwei Wochen ist allerdings eher unwahrscheinlich. Die Kaltfront zieht vermutlich erst in der Nacht zum Freitag oder am Freitagmorgen durch, aus heutiger Sicht ist aber die Höhenkaltluft diesmal weniger bissig als bei „Burglind“: Einzelne elektrische Entladungen sind wahrscheinlich, flächendeckende konvektive Aktivität mit einhergehenden Orkanböen sind aber nach aktuellem Stand eher nicht zu erwarten. Doch wie gesagt: Diesbezüglich gilt es noch etwas abzuwarten und trotzdem auf der Hut zu sein.

Der Freitag scheint ungefähr eine Kopie des Mittwochs zu werden: Weiterhin sehr windig, aber nicht mehr volle Sturmstärke, dabei immer wieder Schneeschauer bis in die Niederungen. Dabei dürfte es auch diesmal wieder zu warm sein, um tagsüber in den tiefsten Lagen eine Schneedecke zu bilden. Erst in der Nacht zum Samstag kühlt es ausreichend aus. Wie viel Niederschlag dann aber noch nachkommt, wird sich weisen müssen. Der Sonntag scheint nach den heutigen Karten der erste Tag in diesem Jahr zu sein, der flächig mässigen Frost bringen dürfte. Winterfreunde sollten es geniessen, denn bereits zum Anfang der nächsten Woche zeichnet sich die erneute Umstellung auf eine milde Südwestlage ab.

Sturmvorschau 03.-08.01.2018

Die seit dem 9. Dezember anhaltende Wintersturmserie erreicht in den nächsten Tagen ihren vorläufigen Höhepunkt. Interessant ist dabei nicht nur die potenziell schadenträchtige Sturmlage vom Mittwoch, sondern auch die nachfolgende Achterbahnfart der Schneefallgrenze sowie beträchtliche Niederschlagsmengen am Donnerstag auf der Alpennordseite, zum Wochenende dann auch im Süden. Auf die sich daraus ergebende Hochwasser- und Lawinengefahr kann hier nicht näher eingegangen werden, wir empfehlen die entsprechenden Berichte der kantonalen und nationalen Warnplattformen im Auge zu behalten. Aus dem Thunersee und den Jurarandseen wird jedenfalls schon mal vorsorglich Wasser abgelassen. Auch wenn es danach in der Wetterküche etwas ruhiger aussieht, heisst das noch lange nicht, dass die Spannung wegfällt. Die Modelle sind sich bezüglich der Entwicklung zu Beginn nächster Woche nämlich noch überhaupt nicht einig.

Die grossräumige Wetterlage zeigt uns eine stramme West-Nordwestströmung über den gesamten Nordatlantik, wobei das Starkwindband mit mittleren Windgeschwindigkeiten in 5500 m Höhe von 200-230 km/h direkt auf die Alpennordseite zielt (Klick auf das Titelbild für vergrösserte Ansicht). Über Mitteleuropa fächert die Höhenströmung auf, wodurch es zum Wochenende über Westeuropa austrogt und wir auf die warme Vorderseite gelangen. Die Zufuhr milder Luft weit nach Norden fördert in der Folge Hochdruckbildung irgendwo im Bereich zwischen Nordsee und Baltikum, während das abgetropfte Tief über Südwesteuropa oder im westlichen Mittelmeerraum herumeiert. Die genauen Positionen dieser beiden Gegenspieler ist für die weitere Entwicklung in Mitteleuropa massgeblich, genau hier scheiden sich jedoch die Modellgeister. Doch wenden wir uns zunächst der Kurzfrist zu:

Bereits am Dienstagabend erreicht uns aus Westen eine neue Warmfront, die Schneefallgrenze steigt an den westexponierten Lagen der Alpennordseite rasch auf 1500 bis 1800 m an, inneralpin schneit es in der Nacht noch länger bis in tiefe Lagen. Dabei frischt der Südwestwind allmählich auf und erreicht auf den Bergen bereits in der Nacht und am frühen Morgen Sturmstärke. Am Mittwochvormittag nähert sich aus Westen rasch eine Kaltfront:

Man erkennt an der gestaffelten Energieabnahme der Luftmasse hinter der Front, dass es sich dabei nicht um einen scharfen Temperaturgradienten handelt. Trotzdem birgt diese Front einige Gefahren. Aufgrund der eingangs erwähnten extremen Höhenströmung kommt die Höhenkaltluft nämlich viel schneller voran als die Bodenkaltfront. Die Modelle sind sich inzwischen einig, dass am Vormittag die Höhenkaltluft die bodennahe Warmluft im Bereich Südwestdeutschland/Nordschweiz überholt. Die Schichtung erreicht mit -30 °C in 500 hPa über 0 °C in 850 hPa eine Labilität, welche im Sommer für eine Schwergewitterlage sorgen würde. Blitz und Donner erwarte ich daher auch diesmal, doch das ist nicht das Hauptproblem: Durch die konvektiven Umlagerungen wird nämlich der Höhenwind stellenweise bis zum Boden durchgemischt. Dieser erreicht in 3000 m einen mittlere Windgeschwindigkeit von 160 km/h, in 1400 m immer noch 120 km/h:

Sehr schön ist auch der Leitplankeneffekt entlang des Alpennordrands zu erkennen, der sich am Nachmittag weiter nach Bayern und Österreich – mitunter sogar unter Verstärkung – fortsetzt, während auf der Rückseite der Front in der Schweiz der Wind rasch nachlassen wird. Der Höhepunkt des Sturms wird in der Nordwestschweiz am Vormittag, am Bodensee um die Mittagszeit erreicht. Die inzwischen zahlreich gewordenen Lokalmodelle zeigen im Detail lokal unterschiedliche Maxima, hier ein in meinen Augen plausibler Vertreter:

Demzufolge wird die schadensträchtige Schwelle von schweren Sturmböen (90 km/h) in den Niederungen verbreitet erreicht. Auf Orkanböen um 120 km/h muss man entlang des Hochrheins bis zum Bodensee, am Jurasüdfuss (Joran) sowie in den exponierten und erhöhten Lagen des Mittellands gefasst sein. Auf den Jura- und Voralpengipfeln sind durchaus Maximalböen zwischen 150 und 180 km/h möglich. Treffen die Berechnungen ungefähr so ein, wäre dies der schwerste Sturm der letzten Jahre. Zusätzlich verschärft wird die Gefahr durch die völlig vernässten Böden, was Entwurzelungen ganzer Bäume begünstigt. Es wird daher dringend geraten, am Mittwoch Wälder zu meiden!

Aufräumarbeiten werden nur notdürftig erledigt werden können, denn trotz nachlassendem Wind bleibt die Sturmgefahr bestehen. Zudem regnet es im Gefolge der Front kräftig, die Schneefallgrenze sinkt vorübergehend auf etwa 700 m. Bereits in der Nacht zum Donnerstag folgt die nächste Warmfront mit Dauerregen bis in die Nacht zum Freitag, dabei steigt die Schneefallgrenze wieder an, stellenweise kann sie über 2000 m erreichen. Und nun wird es kritisch, denn zu den akkumulierten Niederschlagsmengen kommt demzufolge auch noch einiges an Schmelzwasser hinzu:

Man kann nur hoffen, dass die mächtige Schneedecke noch einiges an Regenwasser aufnimmt und verzögert abgibt. Dennoch dürfte ein mittleres Hochwasser an den meisten Flüssen der Alpennordseite anstehen. Kritisch wird es am Rhein, je nachdem wie die Abflussspitzen der Zuflüsse aufeinander treffen. In mittleren Lagen steigt die Gefahr von Nassschneelawinen, in den Hochlagen wird die Lawinengefahr durch den starken Wind und Verfrachtungen verschärft.

Auf die Warmfront vom Donnerstag folgt nicht wie üblich eine Kaltfront, denn die Kaltluft zielt westlich der Alpen vorbei in Richtung Spanien und westliches Mittelmeer. Wir verbleiben auf der Vorderseite des abgetropften Tiefs, es bildet sich ab Freitag eine Südostföhnlage. Dadurch wird feuchte und mässig warme Mittelmeerluft an die Alpensüdseite geführt. Während es im Norden nun mehrheitlich trocken bleibt, regnet und schneit es auf der Alpensüdseite immer häufiger. Bei südöstlicher Anströmung dürften die westlichen Tessiner Täler sowie das Südwallis die grössten Niederschlagsmengen erhalten. Das mit der Schneefallgrenze wird eine Lotterie:

Die Luftmasse gibt zwar eine Schneefallgrenze von 1500 m her, doch mit geringer Durchmischung und starker Niederschlagsabkühlung kann es in manch engem Alpental bis in den Talgrund schneien. Das kann je nach Ausrichtung des Tals völlig unterschiedlich aussehen. Abhängig davon, wie weit nördlich das Bodentief verbleibt, könnte es im Wallis und im Berner Oberland zu starkem bis stürmischem Föhn kommen. Im Mittelland kommt eine zügige Bise auf, in der Genferseeregion und auf den Jurahöhen könnte sie am Sonntag durchaus in den Bereich der Sturmstärke gelangen.

Das war jetzt ziemlich viel Konjunktiv, denn die Modelle haben mit der Positionierung und Stärke von Tief im Südwesten und Hoch im Norden gewaltige Probleme. Auf obiger Karte sehen wir eine markante Luftmassengrenze quer durch die Mitte Deutschlands. Je nach Modell und Lauf bleibt sie dort stehen und wird in der Folge sogar wieder nach Norden zurückgedrängt, oder aber sie kommt bis zu den Alpen voran. In der neuen Woche ist eine schwachgradientige Süd- bis Südostlage ebenso möglich wie eine kalte Bisenlage. Auch ein erneuter Durchbruch von Westwind ist nicht völlig vom Tisch. Welches Schweinderl hätten’s denn gern? Die EZ-Ensembles für den Gitterpunkt bei Bern zeigt das Dilemma klassisch auf:

Bereits ab Samstag streuen die Member in 1400 m zwischen -3 und +10 Grad, und tauchen zu Wochenbeginn vereinzelt bis -10 Grad, während die GFS-Ensembles bis Dienstag kaum Member unter 0 Grad zeigen. Lassen wir uns also überraschen. Man kann es auch mit der Romantik-Brille sehen: Zum Glück lässt sich die Natur auch heute noch von der Technik nicht immer in die Karten schauen…