Wetterblog

Themenschwerpunkt des neuen Wetterblogs von meteoradar ist der Radarblick auf das aktuelle Wetter. Wir möchten die User von Radar- und Blitzkarten bei deren Interpretation unterstützen. Zu bestehenden Beobachtungen, Vorhersagen und Warnungen werden in loser Folge vertiefende Erklärungen und Link-Hinweise auf externe Informationsquellen gegeben. Selbstverständlich finden auch im Nachhinein Analysen von besonderen Wetterereignissen ihren Platz.

Es ist uns ein Anliegen, bei den Lesern des Wetterblogs einen Lerneffekt auszulösen, und auf diese Weise zu einem bewussteren Umgang mit kurzzeitigen Wettergefahren wie Gewitter, Sturm, Sturzfluten, Hagel im Sommer, oder Glättegefahr im Winter beizutragen.

Der Wetterblog wird in Zusammenarbeit mit fotometeo Muriset betrieben.

Mondfinsternis- und Gewittervorschau 27.07.-02.08.2018

Ganz so klar wie in der Nacht zum 28.09.2015 in Bern wird die Luft bei der heutigen Mondfinsternis nicht sein.

Wir haben es ja hier nicht so mit reisserischen Schlagzeilen, aber wenn sich die Gelegenheit schon bietet, die längste Mondfinsternis des Jahrhunderts in den Wochenbericht einzubauen, dann ergreifen wir sie auch. Ob sich das auf das Erlebnis besonders auswirkt, wenn die Totalitätsphase ein paar Minuten länger dauert als üblich – nun ja: Hauptsache, uns wurde es heute auf allen Kanälen von früh bis spät bewusst gemacht. Sehen kann man das Spektakel kurz nach Sonnenuntergang fast überall, wo man genügend Abstand zu höheren Hindernissen am Südosthorizont hat. Ausnahme sind Teile der Alpensüdseite und Graubündens, wo das eine oder andere Hitzegewitter bzw. dessen Cirrenschirm die Sicht vorübergehend eintrüben kann. Die aus Westen aufziehenden Schleierwolken hingegen kommen spät genug, ausser man befindet sich gerade in der Romandie. Damit wäre auch schon zum eigentlichen Thema dieses Blogs übergeleitet: Aus Westen nähert sich eine Kaltfront – wobei man sie eigentlich Bitzliwenigerheissfront nennen müsste.

Der Überblick über die grossräumigen Strömungen und Druckgebilde in rund 5500 m Höhe zeigt uns eine straffe Westströmung vom Atlantik nach Mitteleuropa gerichtet, wo sie jedoch scharf nach Nord bis Nordwest umbiegt: Die Grosswetterlage dazu nennt man Winkelwest und wird gemeinhin mit Frontenfriedhof irgendwo in Mitteleuropa in Verbindung gebracht. Das ist auch diesmal nicht anders.

Andersrum: Wir können uns schon fast nicht mehr daran erinnern, wann letztes Mal eine atlantische Front auf Europa übergegriffen hat, nämlich Ende April. Auch diesmal könnte es bei einem mehrmaligen Anlauf der Westlage bleiben, bis das Hochdruckbollwerk über Skandinavien weggehobelt ist. Ob dies im Lauf der nächsten Woche gelingt, darüber sind sich die Modelle noch nicht einig. Die Erhaltungsneigung spricht dagegen, die Siebenschläfer-Regel auch: Für eine Umstellung ist es eigentlich zwei bis drei Wochen zu früh. Möglicherweise sind da die Schwergewichte in der Modellwelt wie schon öfters in den letzten Monaten auf dem fehlgeleiteten „Normalisierungstrip“. Lassen wir uns überraschen.

Jedenfalls kommt da am Samstag etwas herangeschlichen:

Wir sehen zwei Luftmassengrenzen (eine über der Schweiz, eine zweite über Frankreich), gleichzeitig aber auch, dass sich am Abend bereits wieder Hochdruck am Boden aufbaut. Die Front läuft voll ins hohe Geopotenzial im Osten rein und wird aufgerieben. Fragt sich nur, wo genau die Abschwächung erfolgt: genau über der Schweiz oder nachdem sie über uns hinweggezogen ist? Nicht sehr lustig für Meteorologen und daher Nowcasting-Sache: Es gibt sowohl Unwetter- wie Flop-Potenzial. Da ist einerseits das bereits erwähnte hohe Geopotenzial im Osten, aber auch die bodennah fehlende Feuchte. Auf der Vorderseite muss man also gar nicht erst mit verstärkenden Faktoren rechnen. Da muss der Westen liefern, und so werden wir wahrscheinlich erst gegen Mittag sehen, was auf uns zukommt. Vorlaufend viel hohes Gewölk, das die Sonneneinstrahlung bremst? Ein Kaltluft-Blast, der die Entwicklung von der Grundschicht her bremst? Es riecht ganz schwer danach. Trotzdem sollte man auf ein heftigeres Ereignis gefasst sein – und sei es nur ein vorlaufender Sturm, auf den hinterher gewittriger Regen folgt. Alle, die auf das lang ersehnte Nass von oben warten: Schraubt die Erwartungen besser nicht zu hoch, damit die Enttäuschung nicht umso höher ausfällt. Die Zuggeschwindigkeit der Front ist nämlich derart hoch, dass auch ein kräftiger Gewitterregen rasch vorbei ist. Mengenmässig wird das Ereignis also weit davon entfernt sein, die Trockenheit zu beenden. Andersrum dürfen sich all jene freuen, die am Abend draussen etwas vorhaben: Dann ist nämlich das Gröbste bereits vorbei, zumindest in der westlichen Landeshälfte.

Wer nun denkt, dass sich am Sonntag die übliche Rückseite mit Nordstau an den Alpen einstellt: Weit gefehlt! Vielleicht hängen am frühen Morgen noch ein paar Wolken an den östlichen Bergen rum. Dann jedoch dreht die Höhenströmung bereits wieder auf Südwest und auf den Druckanstieg am Boden folgt sogleich auch noch ordentliche Warmluftadvektion in der Höhe: Das Geopotenzial steigt wieder kräftig an und killt jegliche Schauerambitionen – von Gewittern sollte man gar nicht erst zu träumen anfangen. Stattdessen liegt die 30-Grad-Marke bereits wieder in bequemer Reichweite.

Und dann folgt in den nächsten vier Tagen Copy-Paste das, was wir bereits diese Woche hatten:

Ein kräftiger Höhenrücken über Mitteleuropa mit dem einzigen Unterschied, dass die 500-hPa-Temperatur diesmal gar auf -8 Grad ansteigt. Also noch mehr Deckel als zuletzt. Für einzelne Hitzegewitter braucht es diesmal noch viel mehr positive Zutaten vom Boden her.

Genau auf den 1. August bzw. in der Nacht auf den 2. folgt der nächste Angriff aus Westen. Nach den jetzigen Unterlagen ist aber diese erneute Bitzliwenigerheissfront noch weniger aktiv als die vom Samstag. Dies zeigt zumindest der Blick auf die Ensembles, wo man Niederschlagssignale mit der Lupe suchen muss. Womit wir das Thema hier gleich ohne Gewissensbisse beenden können:

Also geniesst den Blutmond (ups, jetzt ist mir dieses Wort doch noch rausgerutscht – ist gut für die Suchmaschinen…) heute Abend und mit viel Glück das Gewitter am Samstag – danach hat uns der Himmel wahrscheinlich nicht mehr allzu viel zu bieten.

Gewittervorschau 20.-26.07.2018

Eigentlich ist das festgefahrene Zirkulationsmuster für Meteorologen eine dankbare Sache, zumindest was mittelfristige Prognosen angeht: So wurde die potenzielle Unwetterlage für heute Freitag bereits vor einer Woche von den Modellen recht gut erfasst, weil die Systeme recht träge sind, wenn nicht gerade ein kleiner Kaltlufttropfen in die Suppe spuckt. Leider kann man sich dafür in der Kurzfrist nix kaufen, wenn die Gewittersysteme, die noch entstehen sollen, von den Lokalmodellen alle 3 oder 6 Stunden völlig anders gerechnet werden. Das Problem liegt diesmal nicht in der Erfassung der Intensität oder der geographischen Verteilung, sondern auf der zeitlichen Skala. Man kann somit recht sicher sagen, dass es irgendwann im Verlauf der zweiten Tageshälfte in weiten Teilen der Schweiz recht grob zur Sache geht, nur leider nicht, ob dies an einem bestimmten Punkt am frühen oder späten Abend oder erst in der Nacht geschieht. Man kann dann nur hoffen, dass die trockenen Zeitfenster zwischen zwei Gewittersystemen sich an den Fahrplan halten, wenn man z.B. bei Freilichtveranstaltungen darauf angewiesen ist.

Die Strömungskarte im Titelbild mit den Drucksystemen in rund 5500 m Höhe zeigt den vor einer Woche bereits angekündigten Westeuropa-Trog, auf dessen Vorderseite heute sehr warme und zunehmend feuchte Luft aus Südwesten herangeführt wird. Dieser Trog bewegt sich im Lauf des Wochenendes unter Abschwächung sehr langsam über Mitteleuropa hinweg nach Osten, um sich dann dort zu Beginn der kommenden Woche als abgetropftes Tief festzusetzen. Dabei ist noch nicht ganz klar, wie lange sein Einfluss besonders auf die östlichen Landesteile noch anhält.

Von höchstem Interesse bezüglich Unwettergefahr ist aufgrund der vorhandenen Energie und Labilität vor allem der heutige Freitag. -14 Grad in 500 hPa und gegen +18 Grad in 850 hPa lassen keine Zweifel offen, dass da ordentlich Zunder in der Atmosphäre liegt. Man darf sich von kleinräumigen „Wärmeblasen“ in mittleren Luftschichten nicht täuschen lassen, die in manchen Modellen gerechnet werden: Sie weisen höchstens darauf hin, dass da ordentlich viel warme Luft vom Boden in die Höhe gesogen wird. Verstärkt wird dieser Auftrieb zusätzlich durch Divergenz in rund 9 km Höhe, wo der verkrüppelte Jetstream wieder mal kurz vorbeischaut:

Die dicht gedrängten Linien mit dem Plus im Zentrum über dem Jura zeigen extreme Divergenz in der Höhe an. Wo die Luft derart stark auseinander strömt, muss von unten Nachschub folgen. Man kann jetzt natürlich die Huhn-oder-Ei-Frage stellen: Was war zuerst, das Saugen von oben oder das Hochdrücken von unten? Für uns schlussendlich egal: Es zeigt uns einfach an, dass da gewaltige Kräfte im Spiel sind, welche die Luft (und somit Wasser und Eis) in sehr grosse Höhen verfrachten und damit perfekte Bedingungen für die Bildung von grossem Hagel gegeben sind. Entsprechend zeigen die experimentellen Hagelkarten von Estofex im Jura und den westlichen Voralpen potenzielle Korngrössen bis 6 cm an. Stellt sich also nur noch die Frage des Timings: Die bereits jetzt vor Mittag starken Quellungen lassen darauf schliessen, dass im Lauf des Nachmittags vielerorts, aber noch hauptsächlich auf das Relief beschränkt, heftige Gewitter losbrechen. Nebst der bereits angesprochenen Hagelgefahr muss lokal auch mit Sturzfluten gerechnet werden. Die Zuggeschwindigkeit ist nämlich mit rund 30 km/h nicht gerade sehr hoch. Dass solch heftige Gewitter auch für lokale Downbursts sorgen können, versteht sich von selbst. Und dann folgt der Schlüsselmoment: Je heftiger sich die Gewitter am Nachmittag austoben, umso höher ist die Chance, dass sich in den Abendstunden ein ruhigeres Fenster auftut (für alle, die noch etwas draussen vorhaben). Zwischen den in der Westhälfte der Schweiz entstandenen Gewittern und einem wahrscheinlich über Frankreich entstehenden System muss nämlich die hochgepumpte Luft mal absinken. Dauer, Zeitpunkt und Zuverlässigkeit dieser ruhigeren Phase ist somit von der Aktivität am Nachmittag einerseits und derjenigen über Frankreich abhängig. Und dann stellt sich natürlich die Frage: Wie vital kommt das System aus Frankreich am späten Abend oder in der Nacht noch in der Schweiz an? Denkbar ist ein noch gesundes MCS mit grossräumiger Gewittertätigkeit, hohen Blitzraten und einer durchs Mittelland laufenden Druckwelle mit Sturmböen. Besser für die Natur und die Landwirtschaft wäre hingegen ein sich bereits abschwächendes System mit flächigem, aber nicht zu heftigem und gewittrig durchsetztem Regen, das in der Nacht durchzieht. Die Modelle haben alle möglichen Abstufungen im Programm, endgültig wissen tun wir es wahrscheinlich erst wenige Stunden vor dem Eintreffen.

Am Samstag zieht der Trog allmählich über die Schweiz hinweg nach Osten. Wie schnell er das tut, darüber sind sich die Modelle nicht einig. Klar ist, dass es tagsüber meist bewölkt ist und immer wieder Schauer und Gewitter niedergehen. Organisiert ist die Sache wahrscheinlich nicht mehr, somit sind Ort und Zeitpunkt der Regengüsse eher zufällig. Immerhin dürfte ein Grossteil der Fläche mal etwas abbekommen, wenn auch die Verteilung nicht immer ganz gerecht sein wird. Fraglich ist, ob sich die Sache am Abend bereits beruhigt (wieder für jene, die draussen etwas vorhaben), oder ob es noch weit bis in die Nacht immer wieder mal nass werden kann.

Am Sonntag befinden wir uns auf der Rückseite des Troges in einer Nordströmung:

Die bodennahe feuchte Luft wird dabei nicht ausgeräumt, sondern im Gegenteil an die Alpennordseite gedrückt. Die Labilität ist nur noch mässig, sodass die Unwettergefahr deutlich sinkt, dennoch muss man den ganzen Tag immer wieder mit gewittrigen Schauern rechnen. Am Alpennordhang kann es auch länger anhaltend regnen, der Natur wäre es zu wünschen.

Erst im Lauf des Montags macht sich ein aus Westen aufrückender Bodenhochkeil allmählich bemerkbar. Wie stark er die Luft bereits abzutrocknen vermag und wie gross der Einfluss der Höhenkaltluft im Osten noch sein wird, bleibt abzuwarten. Vermutlich wird es in der östlichen Landeshälfte vor allem über den Bergen schaueranfällig bleiben, während es im Flachland und im Westen mit zügiger Bise bereits weitgehend trocken und zunehmend sonnig wird. Da die Modelle den Hochdruckeinfluss aber in den letzten Läufen verzögert haben, ist das letzte Wort diesbezüglich wohl noch nicht gesprochen…

Am Dienstag sollte der verbliebene Rest des Troges, der sich inzwischen zu einem eigenständigen Tief abgeschnürt hat, östlich genug zu liegen kommen um keinen Einfluss mehr auf die Schweiz ausüben zu können. Aus heutiger Sicht ist der Dienstag der stabilste Tag, allerdings ist der Höhenrücken zwischen dem Tief im Osten und einem sich neu bildenden Atlantiktrog recht schmal. Lassen wir uns überraschen, wie sich das auf den Mittwoch auswirkt:

Manche Modelle lassen das CutOff-Tief im Osten wieder etwas zurück nach Westen driften, womit die Schweiz von zwei Seiten in die Zange genommen wird. Die mancherorts herausgegebene Variante „trocken-heiss open End“ ist somit noch lange nicht in Stein gemeisselt. Doch auch wenn der Höhenkeil genau über uns hält, so ist aufgrund der starken Erwärmung am Mittwoch und Donnerstag über den Bergen mit lokalen, aber durchaus kräftigen Hitzegewittern zu rechnen.

Gewittervorschau 14.-19.07.2018

Erdbeeren, Kirschen und Aprikosen sind abgeerntet, ebenso ein Grossteil des Getreides. Der Mais steht (zumindest dort, wo er – woher auch immer – genügend Wasser zur Verfügung hatte) teilweise bereits drei Meter hoch und trägt fette Kolben. An manchen Bäumen setzt wegen der Trockenheit bereits der Gilb ein und in den letzten Tagen sanken die Temperaturen frühmorgens in den einstelligen Bereich, Nebelfelder breiteten sich entlang von Gewässern aus. Die Quellwolken verdienten selbst über den Bergen den Namen nicht, kamen oft nicht über Stratocumulus-Niveau hinaus. All dies erinnert an Spätsommer, wenn nicht sogar an Frühherbst, und man begann sich die Frage zu stellen, ob die Gewittersaison zu Ende geht, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat. Luftmassen aus nordöstlicher Richtung waren meist zu trocken, jene aus nördlicher bis nordwestlicher zu kühl – es fehlte schlicht die Energie, um eine ordentliche Gewitterlage zu produzieren. Doch nun, da wir uns allmählich den Hundstagen nähern, scheint sich in der grossräumigen Zirkulation doch allmählich so etwas wie Normalität einzustellen, zumindest der Wille dazu ist vorhanden.

Schaut man sich die Druckverteilung und Windströmungen in der Höhe (ca. 5500 m) an, so erkennt man derzeit eine aus West bis Südwest zu den Alpen gerichtete Strömung, die allmählich energiereichere Luftmassen zu uns bringen:

In diese Strömung eingebettet sind zudem mehrere kleine Höhentiefs, welche für ordentlich Labilität und Hebungsantrieb sorgen: beste Zutaten für eine Schwergewitterlage. So einfach ist es dann leider doch nicht, denn am Boden sieht die Sache völlig anders aus:

Hier erkennen wir über Deutschland ein – wenn auch schwaches – Bodenhoch, welches im Gegenuhrzeigersinn weiterhin trockene Luft zur Alpennordseite führt. Im Mittelland herrscht somit eine schwache Bise, welche die Grundschicht etwas austrocknet und stabilisiert, in der Höhe haben wir West-Südwest mit feuchtwarmer Luft und Hebung. Das sind zwei Gegenspieler, welche die Prognosen extrem verkomplizieren. Entsprechend tischt uns jedes Lokalmodell bezüglich geografischer Verteilung, Zeitpunkt und Intensität von Gewittern eine andere Variante auf. Überraschungen gab es bereits am Freitag den Voralpen entlang und auch Samstag früh wieder mit Entwicklungen, welche die Modelle entweder gar nicht auf dem Schirm hatten oder erst dann, als das Kind bereits in den Brunnen gefallen war. Doch es nützt alles Lamentieren nichts, da müssen wir durch und hoffen auf Verständnis bei den Kunden, welche auf klare Ansagen angewiesen sind. Es bleibt heute und in den kommenden Tagen dabei, dass Entwicklungen erst recht kurzfristig zu erkennen sind. An manchen Standorten kann man aufgrund der Erfahrung die Wahrscheinlichkeit eines Gewittertreffers etwas besser einschätzen, es bleibt aber eine Lotterie. Zumal keine Fronten oder grosse Cluster zu erwarten sind, die ganze Sache also meist sehr unorganisiert und kleinräumig abläuft. Mit einer gewissen Eigendynamik aufgrund der Windscherung ist aber jederzeit zu rechnen, sodass einzelne Zellen durchaus auch mal mittelgrossen Hagel und Sturmböen produzieren können. Ansonsten ist eher Starkregen die Hauptgefahr, wobei die Gewitter bei mässiger Zuggeschwindigkeit immerhin für etwas Verteilung sorgen.

Etwa ab Donnerstag (die Modelle schwanken da noch um etwa einen Tag hin und her) stellt sich die Grosswetterlage Trog Westeuropa ein, womit wir auf die Vorderseite gelangen und aus Südwesten wahrscheinlich auch bodennah sehr warme bis heisse und zunehmend auch feuchte Luftmassen herangeführt werden:

Das wäre dann – vorausgesetzt es trifft so ein – die erste hochsommerliche Schwergewitterlage dieser Saison. Details bleiben abzuwarten, so etwa das Vorankommen des Troges nach Osten und allfällige Abtropfprozesse zum Wochenende hin oder föhnige Einschübe: alles Futter für die nächste Gewittervorschau.

Neues mobilgängiges Layout der Webseiten von meteoradar

So sieht die neue Homepage metradar.ch auf dem iPhone aus.

In den letzten Monaten hat sich viel getan bei meteoradar. Die bedeutendste Änderung betrifft das Layout der Webseiten. Dieses wurde mobiltauglich, das neue Erscheinungsbild ist einfacher und für alle Webseiten das gleiche. Auch die Navigation am linken Bildrand bleibt für (fast) alle Webseiten unverändert. Die Navigation erscheint auf mobilen Geräten erst nach dem Antippen des 3-Balken Symbols in der rechten oberen Bildecke. Durch Antippen des auffälligen Kreuzes kann die Navigation wieder geschlossen werden. So bleibt die ganze Bildschirmbreite für die Anzeige der vielen Bilder und Karten verfügbar. Ansonsten ist der Inhalt einer Webseite auf allen Geräten der gleiche, egal ob man diese auf einem riesigen PC-Bildschirm oder einem Winzling eines Smartphones betrachtet.

Aber auch im Hintergrund hat sich einiges getan. Die Webseiten wurden im Frühjahr auf einen schnellen Server der neuesten Generation gezügelt. Die Server-Software wechselte vom Apache zu Nginx. Zudem konnte ein zeitraubender Bug beim Zugriff auf die Kunden-Datenbank korrigiert werden. Die Webseiten werden nun auch bei Gewitterlagen und dementsprechend bei hoher Auslastung viel flüssiger aufgebaut als im letzten Sommer. Die Pläne B und C zwecks Verkürzung der Zugriffszeiten (Caching, Load Balancer) wurden bislang noch gar nicht realisiert. Es bestehen also Reserven, welche bei Bedarf (z.B. superschwere Gewitterlagen zu den Haupt-Zugriffszeiten am späteren Nachmittag) realisiert werden können.

Wir werden in Zukunft an dieser Stelle wieder häufiger über Neuerungen bei den Produkten und Diensten von meteoradar berichten. Eines der Themen, welches unter unseren Fingernägeln zuckt und brennt  ist die neue Datenschutzverordnung der EU. Bleiben Sie dran.

Gewittervorschau 19.-24.05.2018

Waschküchenwetter im hinteren Emmental am 28.05.2017: Einzelzellen mit leichter Tendenz zur Verclusterung

Seltsame Blüten treibt er, dieser Frühling 2018. Wollte er im März gar nicht in die Gänge kommen, beeindruckte er im April durch häufige Süd- und Hochdrucklagen. Die nordhemisphärische Zirkulation bleibt auch im Mai massiv gestört. Meridionale Zirkulationsmuster treten Frühling zwar am häufigsten auf, doch die andauernde Blockade ist dieses Jahr doch sehr aussergewöhnlich. Der im April noch häufig über Mittel- und Osteuropa herrschende Hochdruckblock hat sich langsam nach Norden verschoben und sitzt nun festgetackert über Skandinavien, wo fast täglich neue Mai-Rekorde bei den Höchstwerten gemeldet werden. Und bei uns hat sich ganz schleichend, durch eine bisige Hochnebellage ganz untypisch für den Frühling durch die Hintertür eine permanente Gewitterlage eingerichtet, deren Ende nicht absehbar ist.

Schauen wir uns die Grosswetterlage am besten anhand der Verteilung der Druckgebiete und der Winde in rund 5500 m Höhe in Europa an:

Zwischen dem bereits erwähnten Skandinavienhoch und dem Azorenhoch bildet sich eine Hochdruckbrücke über die britischen Inseln hinweg, welche die atlantischen Strömungen blockieren. Europa bleibt damit auch in den nächsten Tagen von jeglichen Angriffen der Westwindzirkulation abgeriegelt. Hin und wieder weist diese Brücke eine Schwachstelle auf, was es einem kleinen Tief erlaubt, nach Süden in Richtung westliches Mittelmeer abzutropfen. Diese „Eier“ irren in der Folge orientierungslos, da von Höhenströmungen abgeschnürt, irgendwo über Süd- und Mitteleuropa herum und sorgen mal für mehr, mal für weniger Labilität, bringen aber auch immer wieder genug Feuchte mit sich. Ein Ende des daraus resultierenden gepflegten Waschküchenwetters könnte allenfalls von Nordosten her drohen, wenn kontinentale Polarluft bis nach Mitteleuropa vordringt. Diese aktuell vom GFS-Hauptlauf bevorzugte Variante ist allerdings in den Ensembles und der globalen Modellwelt in der deutlichen Minderheit. Was bedeutet, dass wir noch einige Zeit mit der vorherrschenden Nordostlage mit zyklonalem Einschlag leben müssen. Wir verbleiben in recht warmen, mässig feuchten und ausreichend labilen Luftmassen:

Die Ensembles für den Gitterpunkt im Berner Seeland zeigen einen Anstieg der Temperaturen in rund 1500 m Höhe auf jahreszeitlich überdurchschnittliches Niveau, zudem wird das Tagesgangwetter mit Niederschlägen jeweils in der zweiten Tageshälfte gut abgebildet. Erst zum Ende der Woche nimmt die Unsicherheit mit der bereits oben erwähnten Möglichkeit des Einfliessens kühlerer und trockenerer Luftmassen aus Nordosten etwas  zu:

Luftmassen-Analyse für Do, 24.05.2018: Alpenraum in feucht-warmer Luft, aus Nordosteuropa stösst kühlere und trockenere Luft vor – fraglich ist, wie weit sie vorankommt

Für Samstag bis Donnerstag bleiben die Bedingungen für Gewitterbildungen somit im groben Muster gleich: Die im Mittelland lagernde mässige Feuchte (Nebel/Hochnebel in den Morgenstunden!) wird durch die starke Sonneneinstrahlung und somit einsetzender Thermik im Lauf des Vormittags in die Voralpen reingezogen, unterstützt durch etwas Bise. Bereits um die Mittagszeit bilden sich die ersten kleinräumigen Schauer und Gewitter über dem schneebefreiten Relief (niedrigere Voralpenhügel und besonnte Südhänge der höheren Voralpen), die sich aufgrund der nahezu fehlenden Höhenströmung kaum von der Stelle bewegen. Somit sind die vom Niederschlag betroffenen Gebiete zwar sehr eng begrenzt, doch können während der ungefähr einstündigen Lebensdauer einer Gewitterzelle durchaus schadenträchtige Niederschlagsmengen inklusive kleinkörnigem Hagel auftreten. Kommt hinzu, dass sich bei solchen Lagen die Zellen an immer derselben Stelle wieder neu bilden können, man also lokal durchaus von drei Gewittern in Folge getroffen werden kann, während es wenige Kilometer abseits ganztags trocken bleibt.

Am späteren Nachmittag können die Voralpen-Gewitter etwas verclustern, womit eine Eigendynamik in Gang kommt. Ist nämlich mal genug kalter Outflow vorhanden, können auch im zentralen Mittelland Konvergenzen mit der Bise und in der Nordschweiz welche mit dem durch den Oberrheingraben vorherrschenden Nordwind sowie Outflow von Schwarzwald-Gewittern entstehen. Es würde daher nicht erstaunen, wenn am Abend der Aargau und die Nordwestschweiz zu einem neuen Hotspot werden.

Diese Szenarien werden sich von Tag zu Tag ein wenig ändern, weshalb es völlig unsinnig wäre, hier zu sehr über die Abläufe der folgenden Tage zu spekulieren. Durch herumziehende schwache Höhen- und Bodentiefs verändern sich sowohl Höhen- wie Bodenströmungen täglich, wenn nicht sogar im Verlauf eines Tages stetig und lassen Gewitterschwerpunkte und -zugbahnen recht willkürlich erscheinen. So ist zum Beispiel am Montag schwacher Föhneinfluss möglich, am Dienstag ein wenig Westwind, bevor sich die Bisenlage wieder zurückmeldet. Was sich allerdings ändert, ist der Energiegehalt der Luftmasse. Durch die starke Sonneneinstrahlung (wir befinden uns nur noch einen Monat vor dem jährlichen Sonnenhöchststand!) erwärmt sich die Luftmasse von Tag zu Tag. Da sich Boden- und Höhenluft etwa in gleichem Mass erwärmen, bleibt die Labilität über den gesamten Zeitraum ungefähr gleich. Auf die Enstehungsbedingungen von Gewittern hat dies wenig Auswirkungen, allerdings können sie heftiger (stärkerer Niederschlag, mehr Hagel, stärkere Windböen, blitzintensiver) und langlebiger werden. Und sollte sich nicht die derzeit noch unwahrscheinlichere Variante der Abkühlung aus Nordosten durchsetzen, geht das auch zum  nächsten Wochenende einfach so weiter… Warm-feuchte Ostlage open end? Das Thema Trockenheit im Alpenvorland ist jedenfalls mal vom Tisch…

Sturmvorschau 16.-21.01.2018

Wir haben immer noch „Winter 2017/18“ und wie sollte es anders sein: Der nächste nasse Sack steht vor der Tür. Eine ganze Woche Verschnaufpause wurde uns gegönnt. Dabei haben wir ziemlich gelassen zugeschaut, wie die grossräumige Zirkulation über Europa so etwas wie eine Ostlage versucht hat hinzubekommen – sie war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Bereits in der Monatsprognose an Silvester habe ich erklärt, wieso der Atlantik eine Macht sein wird in diesem Januar. Nun hat sich das riesige nordamerikanische Kaltluftreservoir über den Nordatlantik ergossen und erzeugt dort gewaltige Temperaturunterschiede auf engstem Raum: Die beste Voraussetzung für die Bildung neuer Sturmtiefs, die per Express nach Europa geliefert werden. Die nächsten schlaflosen Nächte sind vorprogrammiert und wer sich draussen aufhalten muss, ist gut beraten, äusserste Vorsicht walten zu lassen.

Die grossräumige Druck- und Windverteilung in rund 5000 m Höhe im Titelbild kommt uns irgendwie bekannt vor: Wie bereits vor zwei Wochen erstreckt sich ein mächtiges Förderband über den Nordatlantik und zielt genau auf die Alpen, wo es angesichts des osteuropäischen Hochdruckblocks aufgefächert wird. Wetter wiederholt sich allerdings nie ganz genau und so gilt es auch diesmal, das Augenmerk auf die Details zu legen, soweit sie heute bereits abschätzbar sind.

Das erste Sturmfeld erreicht in der Nacht auf Dienstag den Jura, durch Kanalisierungseffekte kann es in den Tälern sowie am Jurasüdfuss und auf den Mittelland-Hügeln schon mal zu schweren Sturmböen kommen. Dabei steigt die Schneefallgrenze vorübergehend auf 1000 bis 1200 m an. Am Dienstag schleift die Kaltfront längere Zeit knapp nördlich der Schweiz. Die bodennahe Kaltluft dringt erst am Abend mit der Bildung eines Randtiefs südlich der Alpen richtig zu uns vor, womit auch in den Niederungen mit Schneefall zu rechnen ist. Nachdem der Wind tagsüber im Warmsektor permanent stark aus Südwest bläst, ist in den Abendstunden mit der Kaltfront ein zweiter Höhepunkt mit Winddrehung auf West zu erwarten. „Begünstigt“ für schwere Sturmböen sind in solchen Fällen der Hochrhein und die Bodenseeregion sowie etwas zeitversetzt die Eingänge zu den Alpentälern.

Am Mittwoch verbleiben wir auf der Rückseite der Kaltfront in vom Atlantik erwärmter Polarluft. Es kommt immer wieder zu teils kräftigen Schauern, meist in fester Form bis in tiefe Lagen – angesichts des starken Windes bleibt die Temperatur aber knapp zu hoch, um im Flachland eine ansehnliche Schneedecke zuzulassen. Dass der Schneematsch in den tiefen Lagen gefriert, ist ebensowenig zu befürchten, da in der Nacht auf Donnerstag bereits der Wolkenschirm der nächsten Warmfront aufzieht. Diese gehört zu einem Randtief, das sich heute Montag vor der US-Ostküste gebildet hat und am Dienstag am westlichen Rand der Karte auftaucht:

Dabei handelt es sich – getrieben vom oben erwähnten Förderband – um einen sogenannten Schnellläufer: Bereits 45 Stunden später soll er sich über Norddeutschland befinden.

Ist das Tief erst mal entstanden, kann seine ungefähre Zugbahn relativ gut prognostiziert werden. Es gibt aber immer Unsicherheiten, da sich geringe Veränderungen bei der hohen Zuggeschwindigkeit auf zwei Tage hinaus schnell mal auf 6 bis 12 Stunden bezüglich des Eintreffens bei uns aufsummieren können. Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist die Stärke des Tiefs. Diese dürfte in den nächsten Modelläufen noch mehrmals verschieden berechnet werden, es ist daher wenig sinnvoll,  bereits jetzt zu sehr über exakte Zahlen zur Sturmstärke zu spekulieren. Klar ist: Das Potenzial für einen schweren Sturm ist vorhanden. Die folgende Karte ist daher mehr als ungefähre Richtlinie zu verstehen:

Zu den ohnehin bereits beträchtlichen Windgeschwindigkeiten, verursacht durch den Druckgradienten, kommt die hohe Zuggeschwindigkeit des Randtiefs hinzu. Die dargestellte mittlere Windgeschwindigkeit von etwa 120 km/h in der Nordschweiz kann jederzeit böig zum Boden runtergemischt werden, wenn die Bedingungen stimmen. Da die Aufräumarbeiten nach dem Sturm „Burglind“ in unseren Wäldern bei weitem noch nicht überall abgeschlossen sind, ist damit zu rechnen, dass dieser Sturm vor allem bei bereits geschwächten Bäumen und an frisch entstandenen Windwurfflächen nachlegt. Dass man auch im Siedlungsgebiet angesichts solcher Aussichten alle notwendigen Sicherungsmassnahmen vornehmen sollte, versteht sich von selbst. Detaillierte Prognosen zum zeitlichen Ablauf und der Stärke sind erst am Mittwochabend möglich, es wird die Konsultation des bei Bedarf häufiger aktualisierten Unwetterberichts unter dem Radarloop von meteoradar empfohlen.

Nach den aktuellen Unterlagen handelt es sich diesmal in erster Linie um einen Warmsektorsturm. Die Schneefallgrenze steigt am Donnerstag wahrscheinlich bis auf etwa 1500 m an. Ein derart heftiger und vor allem lang andauernder Spülgang wie vor zwei Wochen ist allerdings eher unwahrscheinlich. Die Kaltfront zieht vermutlich erst in der Nacht zum Freitag oder am Freitagmorgen durch, aus heutiger Sicht ist aber die Höhenkaltluft diesmal weniger bissig als bei „Burglind“: Einzelne elektrische Entladungen sind wahrscheinlich, flächendeckende konvektive Aktivität mit einhergehenden Orkanböen sind aber nach aktuellem Stand eher nicht zu erwarten. Doch wie gesagt: Diesbezüglich gilt es noch etwas abzuwarten und trotzdem auf der Hut zu sein.

Der Freitag scheint ungefähr eine Kopie des Mittwochs zu werden: Weiterhin sehr windig, aber nicht mehr volle Sturmstärke, dabei immer wieder Schneeschauer bis in die Niederungen. Dabei dürfte es auch diesmal wieder zu warm sein, um tagsüber in den tiefsten Lagen eine Schneedecke zu bilden. Erst in der Nacht zum Samstag kühlt es ausreichend aus. Wie viel Niederschlag dann aber noch nachkommt, wird sich weisen müssen. Der Sonntag scheint nach den heutigen Karten der erste Tag in diesem Jahr zu sein, der flächig mässigen Frost bringen dürfte. Winterfreunde sollten es geniessen, denn bereits zum Anfang der nächsten Woche zeichnet sich die erneute Umstellung auf eine milde Südwestlage ab.

Sturmvorschau 03.-08.01.2018

Die seit dem 9. Dezember anhaltende Wintersturmserie erreicht in den nächsten Tagen ihren vorläufigen Höhepunkt. Interessant ist dabei nicht nur die potenziell schadenträchtige Sturmlage vom Mittwoch, sondern auch die nachfolgende Achterbahnfart der Schneefallgrenze sowie beträchtliche Niederschlagsmengen am Donnerstag auf der Alpennordseite, zum Wochenende dann auch im Süden. Auf die sich daraus ergebende Hochwasser- und Lawinengefahr kann hier nicht näher eingegangen werden, wir empfehlen die entsprechenden Berichte der kantonalen und nationalen Warnplattformen im Auge zu behalten. Aus dem Thunersee und den Jurarandseen wird jedenfalls schon mal vorsorglich Wasser abgelassen. Auch wenn es danach in der Wetterküche etwas ruhiger aussieht, heisst das noch lange nicht, dass die Spannung wegfällt. Die Modelle sind sich bezüglich der Entwicklung zu Beginn nächster Woche nämlich noch überhaupt nicht einig.

Die grossräumige Wetterlage zeigt uns eine stramme West-Nordwestströmung über den gesamten Nordatlantik, wobei das Starkwindband mit mittleren Windgeschwindigkeiten in 5500 m Höhe von 200-230 km/h direkt auf die Alpennordseite zielt (Klick auf das Titelbild für vergrösserte Ansicht). Über Mitteleuropa fächert die Höhenströmung auf, wodurch es zum Wochenende über Westeuropa austrogt und wir auf die warme Vorderseite gelangen. Die Zufuhr milder Luft weit nach Norden fördert in der Folge Hochdruckbildung irgendwo im Bereich zwischen Nordsee und Baltikum, während das abgetropfte Tief über Südwesteuropa oder im westlichen Mittelmeerraum herumeiert. Die genauen Positionen dieser beiden Gegenspieler ist für die weitere Entwicklung in Mitteleuropa massgeblich, genau hier scheiden sich jedoch die Modellgeister. Doch wenden wir uns zunächst der Kurzfrist zu:

Bereits am Dienstagabend erreicht uns aus Westen eine neue Warmfront, die Schneefallgrenze steigt an den westexponierten Lagen der Alpennordseite rasch auf 1500 bis 1800 m an, inneralpin schneit es in der Nacht noch länger bis in tiefe Lagen. Dabei frischt der Südwestwind allmählich auf und erreicht auf den Bergen bereits in der Nacht und am frühen Morgen Sturmstärke. Am Mittwochvormittag nähert sich aus Westen rasch eine Kaltfront:

Man erkennt an der gestaffelten Energieabnahme der Luftmasse hinter der Front, dass es sich dabei nicht um einen scharfen Temperaturgradienten handelt. Trotzdem birgt diese Front einige Gefahren. Aufgrund der eingangs erwähnten extremen Höhenströmung kommt die Höhenkaltluft nämlich viel schneller voran als die Bodenkaltfront. Die Modelle sind sich inzwischen einig, dass am Vormittag die Höhenkaltluft die bodennahe Warmluft im Bereich Südwestdeutschland/Nordschweiz überholt. Die Schichtung erreicht mit -30 °C in 500 hPa über 0 °C in 850 hPa eine Labilität, welche im Sommer für eine Schwergewitterlage sorgen würde. Blitz und Donner erwarte ich daher auch diesmal, doch das ist nicht das Hauptproblem: Durch die konvektiven Umlagerungen wird nämlich der Höhenwind stellenweise bis zum Boden durchgemischt. Dieser erreicht in 3000 m einen mittlere Windgeschwindigkeit von 160 km/h, in 1400 m immer noch 120 km/h:

Sehr schön ist auch der Leitplankeneffekt entlang des Alpennordrands zu erkennen, der sich am Nachmittag weiter nach Bayern und Österreich – mitunter sogar unter Verstärkung – fortsetzt, während auf der Rückseite der Front in der Schweiz der Wind rasch nachlassen wird. Der Höhepunkt des Sturms wird in der Nordwestschweiz am Vormittag, am Bodensee um die Mittagszeit erreicht. Die inzwischen zahlreich gewordenen Lokalmodelle zeigen im Detail lokal unterschiedliche Maxima, hier ein in meinen Augen plausibler Vertreter:

Demzufolge wird die schadensträchtige Schwelle von schweren Sturmböen (90 km/h) in den Niederungen verbreitet erreicht. Auf Orkanböen um 120 km/h muss man entlang des Hochrheins bis zum Bodensee, am Jurasüdfuss (Joran) sowie in den exponierten und erhöhten Lagen des Mittellands gefasst sein. Auf den Jura- und Voralpengipfeln sind durchaus Maximalböen zwischen 150 und 180 km/h möglich. Treffen die Berechnungen ungefähr so ein, wäre dies der schwerste Sturm der letzten Jahre. Zusätzlich verschärft wird die Gefahr durch die völlig vernässten Böden, was Entwurzelungen ganzer Bäume begünstigt. Es wird daher dringend geraten, am Mittwoch Wälder zu meiden!

Aufräumarbeiten werden nur notdürftig erledigt werden können, denn trotz nachlassendem Wind bleibt die Sturmgefahr bestehen. Zudem regnet es im Gefolge der Front kräftig, die Schneefallgrenze sinkt vorübergehend auf etwa 700 m. Bereits in der Nacht zum Donnerstag folgt die nächste Warmfront mit Dauerregen bis in die Nacht zum Freitag, dabei steigt die Schneefallgrenze wieder an, stellenweise kann sie über 2000 m erreichen. Und nun wird es kritisch, denn zu den akkumulierten Niederschlagsmengen kommt demzufolge auch noch einiges an Schmelzwasser hinzu:

Man kann nur hoffen, dass die mächtige Schneedecke noch einiges an Regenwasser aufnimmt und verzögert abgibt. Dennoch dürfte ein mittleres Hochwasser an den meisten Flüssen der Alpennordseite anstehen. Kritisch wird es am Rhein, je nachdem wie die Abflussspitzen der Zuflüsse aufeinander treffen. In mittleren Lagen steigt die Gefahr von Nassschneelawinen, in den Hochlagen wird die Lawinengefahr durch den starken Wind und Verfrachtungen verschärft.

Auf die Warmfront vom Donnerstag folgt nicht wie üblich eine Kaltfront, denn die Kaltluft zielt westlich der Alpen vorbei in Richtung Spanien und westliches Mittelmeer. Wir verbleiben auf der Vorderseite des abgetropften Tiefs, es bildet sich ab Freitag eine Südostföhnlage. Dadurch wird feuchte und mässig warme Mittelmeerluft an die Alpensüdseite geführt. Während es im Norden nun mehrheitlich trocken bleibt, regnet und schneit es auf der Alpensüdseite immer häufiger. Bei südöstlicher Anströmung dürften die westlichen Tessiner Täler sowie das Südwallis die grössten Niederschlagsmengen erhalten. Das mit der Schneefallgrenze wird eine Lotterie:

Die Luftmasse gibt zwar eine Schneefallgrenze von 1500 m her, doch mit geringer Durchmischung und starker Niederschlagsabkühlung kann es in manch engem Alpental bis in den Talgrund schneien. Das kann je nach Ausrichtung des Tals völlig unterschiedlich aussehen. Abhängig davon, wie weit nördlich das Bodentief verbleibt, könnte es im Wallis und im Berner Oberland zu starkem bis stürmischem Föhn kommen. Im Mittelland kommt eine zügige Bise auf, in der Genferseeregion und auf den Jurahöhen könnte sie am Sonntag durchaus in den Bereich der Sturmstärke gelangen.

Das war jetzt ziemlich viel Konjunktiv, denn die Modelle haben mit der Positionierung und Stärke von Tief im Südwesten und Hoch im Norden gewaltige Probleme. Auf obiger Karte sehen wir eine markante Luftmassengrenze quer durch die Mitte Deutschlands. Je nach Modell und Lauf bleibt sie dort stehen und wird in der Folge sogar wieder nach Norden zurückgedrängt, oder aber sie kommt bis zu den Alpen voran. In der neuen Woche ist eine schwachgradientige Süd- bis Südostlage ebenso möglich wie eine kalte Bisenlage. Auch ein erneuter Durchbruch von Westwind ist nicht völlig vom Tisch. Welches Schweinderl hätten’s denn gern? Die EZ-Ensembles für den Gitterpunkt bei Bern zeigt das Dilemma klassisch auf:

Bereits ab Samstag streuen die Member in 1400 m zwischen -3 und +10 Grad, und tauchen zu Wochenbeginn vereinzelt bis -10 Grad, während die GFS-Ensembles bis Dienstag kaum Member unter 0 Grad zeigen. Lassen wir uns also überraschen. Man kann es auch mit der Romantik-Brille sehen: Zum Glück lässt sich die Natur auch heute noch von der Technik nicht immer in die Karten schauen…

Ex-Tropensturm RINA bringt uns den Winter

So absurd die Überschrift klingen mag, so verrückt ist die aktuelle Wetterlage. Was sich in den 90 Stunden von Freitagmittag bis Dienstagmorgen vom Atlantik bis zu den Alpen abspielen wird, ist spannender als jeder Krimi. Fussball-WM-Quali-Barragespiel und Tatort am Sonntagabend können einpacken 😉 „Endlich wieder mal Vollwetter!“, ist der Profi hinter und der wetterinteressierte Laie vor dem Bildschirm nach der deprimierend grauen und langweiligen Wetterwoche geneigt zu rufen, der schon fast totgeglaubte Wetterblog erwacht in alter Frische. Versuchen wir, Prise für Prise die Zutaten für das rezente Süppchen zu analysieren und schauen mal, was uns schlussendlich serviert wird. Doch Vorsicht: Zu viele Köche verderben den Brei! Zwischen Neufundland und den Alpen kann viel geschehen. Ist dies vielleicht der Grund, dass noch kaum jemand in der Wetterbranche getrommelt hat?

Schauen wir uns die Grosswetterlage anhand des Titelbilds an, so erkennen wir zwischen einem sehr kräftigen und etwas nach Norden verschobenen Azorenhoch sowie einem ebenso kräftigen Tiefdruckkomplex über Skandinavien eine stramme Nordwestströmung. Abgebildet sind die Windgeschwindigkeiten in rund 5500 m Höhe, welche im Jet bis zu 100 kn, also etwa 180 km/h erreichen. In diesen Neufundland-Sizilien-Express sind verschiedene Randtiefs und Wellen eingebettet, welche uns von Samstag bis Montag in rascher Abfolge besuchen werden. Dabei wollen wir ein besonderes Augenmerk auf die Ausgangslage heute Freitag zwischen Neufundland und der Südspitze Grönlands legen:

Die beiden bereits erwähnten Hauptdruckfelder sehen in dieser Darstellung mit den Bodendrucklinien noch imposanter aus. Markant ist die Luftmassengrenze, welche quer über den Nordatlantik verläuft. Für uns von Bedeutung ist das unscheinbare Tief vor Neufundland, das sich zwischen den beiden steuernden Druckzentren durchquetschen muss und dabei ordentlich gebeutelt wird. Die gelbe Farbe deutet an, dass es subtropische Luftmassen im Schlepptau hat, und das kommt nicht von ungefähr:

Ziemlich spät in der Saison hat sich in den letzten Tagen auf der Höhe von 30° N / 50° W über dem westlichen Nordatlantik eine tropische Depression gebildet, die sich auf dem Weg nach Norden zum Sturm verstärkt hat und nun in die Frontalzone eingebunden wird. Nach einem bei uns bereits sehr windigen und nassen Samstag kommt der Rest dieses Sturms als Welle in der Nacht auf Sonntag in Westeuropa an:

Durch den weiten Weg über den Atlantik ist die Luftmasse bereits etwas abgekühlt, lässt aber dennoch die Schneefallgrenze in den Westalpen bis teils über 2000 m ansteigen. Man sieht aber bereits auf der Rückseite der Welle die polare Luftmasse, welche das Tief bei Grönland angezapft hat und auf direktem Weg zu uns führt. Starke Temperaturunterschiede auf engem Raum befeuern die Tiefdruckentwicklung entlang der Frontalzone, und genau da liegt nun das Motiv in unserem Sonntagskrimi verborgen: Wie stark wird sich diese Welle über Mitteleuropa vertiefen? Das Angebot der verschiedenen Wettermodelle reicht (stand Freitagnachmittag) von 996 bis 1005 hPa. Auch die Zugbahn kann noch etwas variieren, doch scheint die grobe Richtung über Süddeutschland hinweg einigermassen gesichert, womit zu starkem Höhenwind und schnell ziehendem Tief auch noch der Düseneffekt am nördlichen Alpenrand zu tragen kommt. Auch das tageszeitliche Timing zwischen Sonntagmorgen und Sonntagmittag ist relativ klar. GFS ist momentan eines der Modelle, die am stärksten auf die Tube drücken (ist aber damit nicht alleine):

Das reicht für ordentliche Orkanböen in mittleren Lagen (Jura, höhere Mittelland-Hügel). Die Frage ist nur, wie stark der Regen im Warmsektor die Durchmischung in die Niederungen zu bremsen vermag. Jedenfalls muss man das im Auge behalten und bringt vorausschauend schon mal alles in Sicherheit, was nicht niet- und nagelfest ist.

Mit der scharfen Kaltfront sinkt die Schneefallgrenze am Sonntagabend rasch auf etwa 500 m ab, zu diesem Zeitpunkt dürfte der Niederschlag noch kräftig genug sein, damit der Schnee in den höheren Mittelland-Lagen ansetzt. Da die kälteste Höhenluft direkt auf die Reste der Warmluft am Boden trifft, wäre es erstaunlich wenn es am Sonntagabend nicht zu eingelagerten Gewittern kommt. Anders als noch in den letzten Tagen wird für die Nacht kein rasches Vorstossen des Hochdruckkeils aus Westen mehr gerechnet, sodass es noch bis weit in den Montag hinein immer wieder zu kräftigen Schneeschauern kommen kann. Mitverantworlich dafür ist knackige Höhenkaltluft:

Die Höhenströmung trifft am Montag direkt aus Norden auf die Alpen. Das gibt einerseits einen heftigen Nordföhnsturm auf der Alpensüdseite, aber auch einen netten Stau auf der Alpennordseite, wo sich die Schnee- und Graupelschauer (jetzt in fester Form bis in die tiefsten Lagen) weiter austoben können. Mit von Nordwest über Nord auf Nordost drehendem Wind wird auch der Lake-Effekt am Bodensee von Vorarlberg bis später ins Appenzellerland ein Thema. In diesen Regionen bereitet man sich am besten schon mal auf eine ordentliche Schneeladung vor. Ich habe bereits von Wetten gehört, ob irgendwo die Ein-Meter-Grenze überschritten wird.

Noch nicht genug? Der erwähnte Hochdruckkeil wird in der Nacht auf Dienstag doch noch wirksam. Ist er stark genug, um die Luft von oben abzutrocknen und Hochnebelbildung zu verhindern, steht uns am Dienstagmorgen der erste verbreitete, eventuell sogar mässige Frost bevor. In den folgenden Tagen bildet sich eine Hochdruckbrücke über Mitteleuropa, wobei es in der Höhe rasch wieder wärmer wird. Mit Einschlafen des Windes am Boden wird sich somit allerspätestens in der Nacht auf Mittwoch eine Inversionslage bilden. Wer es sich erlauben kann, wird also am Mittwoch/Donnerstag die frisch verschneite Bergwelt an der Sonne mitsamt Nebelmeer geniessen können. Ob das mit dem Winter nachhaltig ist, wird sich noch weisen müssen. Endmittelfristig ist von weiteren Kaltlufteinbrüchen aus Norden bis zu Föhnlagen alles in den Ensembles vorhanden…

 

Erster Herbststurm, Wintereinbruch in den Bergen – und wo bleibt der Altweibersommer?

Es scheint so, als würden wir in letzter Zeit um den Altweibersommer betrogen werden. 2016 hochsommerliche Temperaturen bis Ende September und dann schlagartig Vollherbst – und dieses Jahr dasselbe Spiel, nur einen Monat früher. Das erste ausgewachsene Sturmtief über der Nordsee kommt aussergewöhnlich früh und schickt einen Ausläufer bis zur Alpennordseite, in seinem Schlepptau ein kalter Gruss aus Grönland, der den Alpen einen ebenso aussergewöhnlich frühen Wintereinbruch beschert. Wie sich die Grosswetterlage danach entwickelt, ist derzeit in den Modellen äusserst spannend zu verfolgen. Oft sind frühe Kälteeinbrüche im September Türöffner für einen schönen Herbst, doch ob es auch diesmal klappt? Nebst den stürmischen Kurzfrist-Aussichten wollen wir in diesem Artikel auch etwas über die Mittelfrist spekulieren.

Betrachten wir die aktuelle Ausgangslage anhand der Karte im Titelbild (anklicken für volle Grösse) so erkennen wir eine stramme Westströmung über Europa. Auf der Vorderseite des umfangreichen Tiefdruckkomplexes wird sehr warme Luft über Osteuropa weit in den Norden geführt und stützt ein Russlandhoch, das die Ostverlagerung des Tiefs blockiert. Auch über dem Nordatlantik wird unter dem Einfluss der Ex-Hurrikane tropische Luft weit nach Norden transportiert, was dort ebenfalls die Bildung eines blockierenden Hochs bewirkt. Auf dessen Vorderseite kann Polarluft auf direktem Weg nach Westeuropa gelangen. Das Nordatlantikhoch bewegt sich in den nächsten Tagen nach Nordskandinavien und spielt das Zünglein an der Waage für unser Wetter in Wochenfrist, doch dazu später mehr. Zunächst müssen wir uns mit dem ersten Herbststurm der Saison befassen:

Heute Mittwoch zieht die Warmfront des Tiefs über uns mit ein wenig Regen hinweg, der Südwestwind zieht bereits kräftig an und erreicht auf den Bergen Sturmstärke. Vor allem am Nachmittag, wenn sich hinter der Front die Sonne zeigt, kann der Wind auch ins Flachland gemischt werden, dann ist mit den ersten stürmischen Böen zu rechnen. Sturmtechnisch kommen wir relativ gut weg, weil das Maximum des Höhenwindes in der Nacht bis zum frühen Morgen über uns liegt und durch die nächtliche Auskühlung der Wind nicht voll durchgreifen kann, trotzdem müssen wir mit einer unruhigen Nacht rechnen:

Dieses sekundäre Sturmfeld (das erste befindet sich weit im Norden) ist auf eine Randtiefentwicklung zurückzuführen, die sich entlang der markanten Kaltfront vollzieht. Diese wiederum erreicht uns am Donnerstagvormittag:

Schon fast lehrbuchhaft ist die Randtiefentwicklung aufgrund des sehr scharfen Temperaturgradienten. Während am Mittag bei uns die Temperatur von 20 auf teils unter 10 Grad fällt, werden in Östösterreich am Nachmittag teils über 25 Grad erreicht. Kein Wunder, kommt es an der Front auch hier und da zu Blitz und Donner. Noch mehr davon könnte es auf der Rückseite gegen Abend geben, wenn auch noch die Höhenkaltluft bei uns eintrifft. Zweifellos muss man aber das Hauptaugenmerk auf den Wind richten:

Hier sind die maximalen Windböen beim Eintreffen der Front am Vormittag dargestellt. Am heftigsten wird es wahrscheinlich am Jurasüdfuss, wo die Winddrehung auf Nordwest mit starkem Druckanstieg nördlich des Juras einen Fallwind (Joran) auslöst. Vor allem in der Westschweiz bis etwa nach Grenchen ist hier mit Böen von 100 – 110 km/h zu rechnen. Etwa 80-90er Böen in den Niederungen sind im weiteren Verlauf am Bodensee sowie an den Eingängen zu den Alpentälern infolge Kanalisationseffekten zu erwarten, ebenso in erhöhten und exponierten Lagen des Mittellands. Gegen Abend lässt der Wind allmählich nach und in der darauf folgenden Nacht sollten wir wieder besser schlafen können…

Die eingangs erwähnte Verlagerung des Nordatlantikhochs in Richtung Nordskandinavien schnürt den Trog am Wochenende ab. Da gleichzeitig das Hoch im Osten blockiert, entsteht daraus eine Lage Tief Mitteleuropa (bereits die vierte seit Anfang Juli, sehr aussergewöhnlich diese Häufung). Die zuvor aus Grönland importierte Polarluft bleibt über uns gefangen und dreht sich mehrere Tage im Kreis. Typisch für diese Lage ist, dass keine Region rund um die Alpen längere Zeit von einer Leewirkung (Föhn) profitieren kann. Nach den bereits sehr intensiven Regenfällen an den beiden vergangenen Wochenenden steht auch diesmal ein sehr nasses bevor, wobei der Schwerpunkt diesmal eher etwas östlich zu liegen kommen dürfte:

Je nach Intensität der Niederschläge kann die Schneefallgrenze zeitweise auf 1000 m sinken, unter Umständen in einzelnen Tälern sogar noch etwas tiefer. In etwa 2000 m Höhe ist bis Dienstag insgesamt mit bis zu einem Meter Neuschnee zu rechnen, der je nach Verlauf des Herbstes unter Umständen noch lange Bestand haben könnte. Wobei wir im letzten Jahr gesehen haben, dass eine kräftige, mehrtägige Föhnlage auch ein solches Polster im Nu dahinraffen kann. Auch ein ordentlicher Altweibersommer mit kräftiger Erwärmung in der Höhe unter einem Hochdruckgebiet könnte dem Schnee zusetzen. Doch ist ein solcher in Sicht?

Möglich, ja, doch angesichts der Ensembles sieht die Entwicklung ab dem 20. September extrem unsicher aus. Nun kommt das eingangs erwähnte Skandinavienhoch ins Spiel. Wird dieses kräftig genug, kann es die Reste des abgetropften Tiefs aus Osteuropa wieder zurück nach Westen steuern. Das würde für uns eine schwarze Bisenlage bedeuten – Altweibersommer sieht anders aus. Einige Modelle zeigen, dass sich die Reste dieses Tiefs über Osteuropa halten und wir von Westen unter Hochdruckeinfluss geraten. Angesichts der feuchten Vorgeschichte würde auch dies nicht etwa Spätsommer, sondern Herbst bedeuten: Inversionslage mit Nebel in den Niederungen, immerhin sonniges und mildes Bergwetter. Die einzige Chance für einen ordentlichen Altweibersommer wäre eine kräftige Südwest- oder Südföhnlage, welche den feucht-kühlen Bodensatz wieder ausräumen würde, doch solcherlei ist in den Karten nur in wenigen Aussenseiterlösungen zu sehen. Scheint so, als müssten wir uns definitiv mit dem Herbst anfreunden…

Kaltfront 18.08.2017 – Grande Finale des Hochsommers oder nur Spülgang?

Ob sich der spektakuläre Frontaufzug vom 1. August wiederholt?

Manch einer mag sich jetzt wundern, warum der Titel dieses Blogs nicht wie im Sommer üblich eine Gewittervorschau für eine ganze Woche ankündigt. Nun, wenn noch nicht mal die Grosswetterlage für Anfang nächster Woche bestimmt werden kann, ist es wenig sinnvoll sich über Gewitterwahrscheinlichkeiten den Kopf zu zerbrechen. Doch eines steht fest: Wir verabschieden uns wie fast alljährlich pünktlich zu Mitte August vom Hochsommer. Bereits in den letzten Tagen konnte man feststellen, dass sich das Licht verändert. Und trotz schwüler Luftmasse geschieht verhältnismässig wenig. Beim Sonnenstand von Anfang Juli wäre da ein ganz anderes Orchester aufgezogen als die paar wenigen Zellen, die zwar punktuell ordentlich geschüttet haben, aber bezüglich Blitzintensität in der Schwachstromliga spielten. Der Boden erwärmt sich aufgrund der schwächeren Sonneneinstrahlung bereits deutlich weniger stark, gleichzeitig ist die Höhenluft relativ warm. Da kann noch so viel Energie vorhanden sein, ohne Labilität zündet es eben nur punktuell und hauptsächlich orographisch unterstützt. Oder es braucht eine starke Front, die sich nicht am hohen Geopotenzial totläuft. Eine solche erreicht uns am Freitagabend.

Die Karte mit der Übersicht auf die europäische Wetterküche in rund 5500 m Höhe zeigt viele interessante Details:

Da wäre – dem Muster des Hochsommers 2017 treu bleibend –  wieder mal eine Südwestlage, wobei sich deren Ende soeben abzeichnet. Das kräftige Tief bei Schottland steuert zwei rasch aufeinander folgende aktive Kaltfronten nach Mitteleuropa, dahinter wird es auf dem Atlantik chaotisch. Einerseits ist am Nordrand des Höhenrückens der Rest des Hurricanes GERT eingebettet, andererseits entwickelt sich inmitten des Azorenhochs ein subtropisches Tief. Dazu später mehr, denn es ist für die mittelfristige Entwicklung interessant, was dort genau geschieht.

Konzentrieren wir uns zunächst auf das, was in der Kurzfrist als gesichert gilt: Die Kaltfronten am Freitagabend und in der Nacht auf Samstag. In der folgenden Karte kann man die beiden Fronten anhand der Luftmassen-Klassifikation gut identifizieren:

Die erste Front steht am Freitagabend genau über der Alpennordseite und trennt sehr energiereiche Subtropenluft (rot) von gemässigter Atlantikluft (gelb). Die zweite Front, welche Polarluft (grün) nach sich zieht, folgt nur etwa 6 Stunden später. Erst mit ihr erreicht uns auch Höhenkaltluft, was bedeutet, dass die Labilität in allen Phasen ungefähr dieselbe bleibt. Vom Energiepotenzial ist die erste Front wie üblich die gefährlichere, das zeigt der Blick auf die Karte mit dem ausfällbaren Wasser:

Über 40 Liter pro Quadratmeter stehen in der Luftsäule bereit. Wenn sich das auf mehrere Stunden verteilt, ist das schon ordentlich viel. Bei einem dynamischen Kaltfrontdurchgang kann das aber in viel kürzerer Zeit runterkommen. Somit geht die Hauptgefahr am Freitagabend von Sturzfluten aus, die lokal wahrscheinlich wieder grössere Schäden anrichten dürften. Es spielt aber noch ein zweiter Faktor mit, nämlich der Wind:

Der Wind in mittleren Höhen ist nicht aussergewöhnlich stark, doch die Gesamtsituation mit auf Nordwest drehendem Wind riecht stark nach einem heftigen Kaltfront-Joran am Jurasüdfuss. Eilt die Druckwelle der Front voraus, kann dies bedeuten dass die Gewitter in Juranähe und im nördlichen Mittelland gar nicht mal so heftig ausfallen, sondern einfach im Nachgefolge der Front kräftiger Regen begleitet von starkem Wind aufzieht. Bei solchen Lagen zündet es, wo die energiereiche Luft durch den Schub aus Nordwesten in Richtung Alpen gehoben wird. Das beginnt in der Regel bereits dort, wo das Mittelland in die höhere Hügelzone übergeht. Mit Südwestwind von 80-90 km/h in 3000 m Höhe ziehen die dort entstehenden Zellen sehr rasch; dass diese Windstärke böig zum Boden runtergemischt wird, ist zu erwarten. Auch ist die Hagelgefahr aufgrund der starken Scherung nicht zu unterschätzen. Wir haben es also mit einer potenziell sehr gefährlichen Lage zu tun, zumal das tageszeitliche Timing stimmt. Wobei diesmal die Sonneneinstrahlung (möglicherweise am Nachmittag bereits viel hohes Gewölk) gar nicht mal so sehr entscheidend ist: Die Luft vor der Front ist energiereich genug und braucht nicht noch zusätzlichen Treibstoff. Die zweite Kaltfront in der Nacht bringt tagesgangbedingt wahrscheinlich nur vereinzelt in den Dauerregen eingebettete Blitze, die Niederschlagsmengen dürften aber am Alpennordhang beträchtlich sein. Die Schneefallgrenze sinkt zum Samstagmorgen auf etwa 2500 m.

Der Vorteil dieses dynamischen Frontdurchgangs ist, dass es entgegen früherer Prognosen nicht das ganze Wochenende nass bleibt. Am Samstag hängen noch viele Restwolken rum und in den zentralen und östlichen Bergen regnet und schneit es noch länger, sonst trocknet es von Westen her bald ab. Am Sonntag wirkt bereits das nachrückende Hoch. Nach recht frischem Start erwärmt die Sonne tagsüber die eingeflossene Kaltluft bereits wieder auf über 20 Grad und der Montag dürfte der stabilste und sonnigste Tag mit angenehmen Sommertemperaturen werden.

Und danach? Schaut und urteilt selbst:

Wie soll man bei solch völlig gegensätzlichen Druckmustern eine Prognose erstellen? Dienstag und Mittwoch ist von stabilem, sehr warmem Spätsommerwetter über schwachem Kaltfrontdurchgang bis zu einer nachfolgend kühlen Nordstaulage alles möglich. Es zeigt sich einmal mehr: Sobald der Hochsommer vorbei ist, kann man keiner Mittelfristprognose mehr trauen. Dazu trägt nicht nur die Unsicherheit der eingangs erwähnten Ex-Hurricanes bei. In diesem Jahr ist die Konstellation mit den Wassertemperaturen im Nordatlantik speziell:

Südwestlich der Azoren liegt eine sehr warme Wasserblase mit 28 Grad, während die Wassertemperatur rund um die Kanaren nur etwa 22 Grad beträgt. Ein gewisses West-Ost-Gefälle ist dort zwar normal, doch aktuell ist es gegenüber dem langjährigen Mittel besonders ausgeprägt:

Südwestlich der Azoren ist das Wasser derzeit etwa 2 Grad wärmer als normal, östlich davon um den selben Betrag kälter. Solche Temperaturdifferenzen auf relativ engem Raum sind nicht gerade zuträglich für das Azorenhoch. Wir haben in der Übersichtskarte am Anfang des Beitrags auf das Tief hingewiesen, das sich inmitten des Azorenhochs entwickelt. Je nach Modell schwächt dies das Azorenhoch nachhaltig, indem an dieser Stelle regelmässig neue Tiefs entstehen, oder das Azorenhoch verlagert sich nach Norden um sich dort zu ungewohnter Stärke aufzuplustern. Der Unterschied der Auswirkungen dieser beiden Szenarien für Europa ist gewaltig: Relativ ruhige, spätsommerliche Flachdruck- oder sogar Hochdrucklage vs. unbeständige und kühle Nordwest- und Troglagen. Was sich schlussendlich durchsetzen wird, hängt wohl von den zahlreichen tropischen Tiefdrucksystemen ab, die sich derzeit bereitmachen und das Zünglein an der Waage spielen könnten…