Wetterblog

Themenschwerpunkt des neuen Wetterblogs von meteoradar ist der Radarblick auf das aktuelle Wetter. Wir möchten die User von Radar- und Blitzkarten bei deren Interpretation unterstützen. Zu bestehenden Beobachtungen, Vorhersagen und Warnungen werden in loser Folge vertiefende Erklärungen und Link-Hinweise auf externe Informationsquellen gegeben. Selbstverständlich finden auch im Nachhinein Analysen von besonderen Wetterereignissen ihren Platz.

Es ist uns ein Anliegen, bei den Lesern des Wetterblogs einen Lerneffekt auszulösen, und auf diese Weise zu einem bewussteren Umgang mit kurzzeitigen Wettergefahren wie Gewitter, Sturm, Sturzfluten, Hagel im Sommer, oder Glättegefahr im Winter beizutragen.

Der Wetterblog wird in Zusammenarbeit mit fotometeo Muriset betrieben.

Gewittervorschau 21.-28.07.2016

Altocumulus-Felder sind im Hochsommer meist verlässliche Zeichen, dass das nächste Gewitter oft nur wenige Stunden entfernt liegt

Altocumulus-Felder sind im Hochsommer meist verlässliche Zeichen, dass das nächste Gewitter oft nur wenige Stunden entfernt liegt

Eines fällt in diesem Sommer auf: Immer, wenn wir von potenziell gefährlichen Gewitterlagen schreiben, dann hat der Jetstream seine Finger im Spiel. In diesem Jahr ist er ein besonders launischer Geselle: Er kann sich nicht entscheiden, ob er schwach oder stark sein und ob er sich in nördlicheren oder südlicheren Gefilden wohl fühlen möchte. Was zur Folge hat, dass sämtliche Versuche, den Trend über mehr als eine Woche vorhersagen zu wollen, kläglich scheitern lässt. Also lassen wir diesmal das Spekulieren über die Mittelfrist und konzentrieren uns auf die nächsten Tage, die bringen nämlich durchaus genug Spannung in die Wetterküche. Oder sollten wir besser Waschküche sagen? Sauna wäre auch kein unpassender Begriff für das, was uns erwartet. Einzig ob und wann der Sprung ins kalte Wasser folgt, ist diesmal noch völlig offen. Jedenfalls sollte man jene Prognosen, die eine stabile Hochsommerphase für die nächsten Wochen herbeireden, mit einer gesunden Portion Skepsis betrachten.

Schauen wir auf die grossräumigen Strömungen in den höheren Luftschichten, so fällt uns einmal mehr ein scharfer Trog auf. Diesmal bildet er sich über Westeuropa aus, sodass wir am Freitag auf seiner Vorderseite in eine sehr warme und zunehmend feuchte Süd- bis Südwestströmung geraten:

20160721-blog2Zuvor erholt sich jedoch am Donnerstagabend hinter der Okklusion vom Morgen noch mal der Hochdruckrücken. Auf der folgenden Karte ist die Trog-Keil-Trog-Abfolge gut zu erkennen (schwarze Linien):

20160721-blog3Über dem Dreiländereck DE/AT/CZ ist der Knick im Hochdruckrücken zu sehen, der in der Nacht auf Donnerstag über uns hinweg gezogen ist, begleitet von einer Okklusion, die einen Luftmassenwechsel brachte. Zwar haben sich die bodennahen Luftschichten etwas abgekühlt, ausgeglichen wird der Energiegehalt aber durch die höhere Feuchtigkeit gegenüber Mittwoch. Warm-feucht statt trocken-heiss sieht auf den Theta-e-Karten nahezu gleich aus, das Verhalten dieser unterschiedlichen Charaktere ist aber derart verschieden, dass sie bei der Prognose der zu erwartenden Gewittertypen eine Rolle spielen. Waren am Mittwochabend vereinzelt sehr explosive, überraschend auftretende, aber kurzlebige Hitzegewitter ein Thema, rücken nun mesoskalige Systeme mit gemächlicherem Aufbau und höherem Potenzial für Überflutungen in den Vordergrund.

Die Erholung des Hochdruckrückens sorgt nun aber im Lauf des Donnerstags dazu, dass die Gewitterneigung gegen Abend allmählich abnimmt. Dazu trägt auch die von -12 auf -10 Grad steigende Temperatur im 500 hPa-Niveau bei. Die etwas stabilere Schichtung bewirkt, dass sich Gewitter am Abend nur noch mit orographischer Unterstützung über den Bergen bilden. Die WSW-Strömung sorgt zudem dafür, dass über den Voralpen entstehende Zellen nicht ins Mittelland hinaus laufen können.

Wie schon eingangs erwähnt, dreht die Höhenströmung im Lauf des Freitags auf Südwest bis Süd, ist aber eher schwach ausgeprägt, da der Trog im Westen sich bereits anschickt, abzutropfen. Damit kommt er auch nicht richtig nach Osten voran, sondern zieht sich zunehmend in südlicher Richtung in die Länge. Eine aus Westen aufziehende Kaltfront verliert somit an Schwung und kommt am Abend direkt über der Schweiz zum Stillstand:

20160721-blog4Rückseitig kann bodennah etwas kühlere Luft über den Jura ins Mittelland einfliessen, doch in der Höhe bleibt uns die sehr warme und feuchte Südwestströmung erhalten. Darin eingebettet ziehen immer wieder Gewittercluster aus den Alpen und aus Südfrankreich nach Nordosten. Zeitliche Abfolge und genaue Zugbahnen sind mehr als sechs Stunden im Voraus so gut wie unprognostizierbar. Die Hauptgefahr liegt in relativ grossen und intensiven Niederschlagsgebieten, die sich über ein paar Stunden hinweg über derselben Region austoben können, da die Höhenströmung als folge des sich abzeichnenden CutOff-Prozesses relativ schwach ist und die Systeme nur langsam ziehen.

Auf den Samstag ändert sich die Situation kaum:

20160721-blog5Die schwach ausgeprägten Bodendruckfelder mit einem schwachen Tief über Deutschland bringen kaum Bewegung in den Sumpf. Inneralpin halten sich die energiereichen Luftmassen besonders hartnäckig, sodass sich hier nach wie vor kräftige Gewitter bilden können. Die Trogachse kommt in der zweiten Tageshälfte genau über der Schweiz zu liegen, sodass Gewitter in der Ostschweiz nach Norden, in der Westschweiz hingegen nach Süden ziehen können. Dazwischen herrscht so gut wie Stillstand, was stationäre Zellen mit ortsfestem Starkregen hervorbringen kann. Kaum nötig zu erwähnen, dass eine nur geringfügige Verschiebung der Trogachse die lokalen Strömungsverhältnisse völlig auf den Kopf stellen kann. Die perfekte Fettnäpfchen-Wetterlage für Meteorologen, und das ausgerechnet am Wochenende in der Ferienzeit mit zahlreichen Freilichtanlässen!

Die in den letzten Tagen versprochene Wetterberuhigung ab Sonntag steht auf wackligen Füssen, da der Trog über der Schweiz liegenbleibt und sich das Abtropftief nur langsam nach Süden verlagert:

20160721-blog6Man sieht zwar von Westen ein sich zögerlich nähernder Hochdruckkeil und wieder eine langsame Stabilisierung der Atmosphäre, doch die feucht-warme Luftmasse im Alpenraum bleibt liegen und erwärmt sich bei zunehmendem Sonnenschein. Sollte sich also nicht noch etwas Unvorhergesehenes entwickeln, so bleibt es in der ersten Wochenhälfte gewitteranfällig. Wobei das Mittelland wohl unter etwas Hochdruckeinfluss eher verschont bliebe, doch in den Bergen ist der tägliche Regenguss mit „Musik“ wohl ein Muss. Extreme Hitze entwickelt sich daraus zwar nicht, doch aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit ist das Schwüle-Empfinden trotzdem eher unangenehm.

Ein Ende könnte diesem Zustand ein Luftmassenwechsel zum Donnerstag mit kühlerer Atlantikluft aus Nordwesten bereiten. Doch eingangs wurde dargelegt, weshalb Spekulationen über eine Woche hinweg derzeit wenig sinnvoll sind.

Gewittervorschau 10.-15.07.2016

Auf die Drohkulisse in den Wetterkarten folgt jene am Himmel

Auf die Drohkulisse in den Wetterkarten folgt jene am Himmel

Eigentlich könnte der Sommer so schön sein. Eine antizyklonale Westlage, in der Nordhälfte Deutschlands verschmäht, aber im Alpenraum Garant für angenehm temperiertes Sommerwetter mit nur kurzen Störungseinflüssen, sodass auch ganz bestimmt keine Dürre aufkommen kann… Eine Woche lang durften wir dies nach dem verregneten Frühsommer nun geniessen und nach der Siebenschläfer-Regel wäre das ja auch der geeignete Zeitpunkt, um diese Konstellation noch ein paar Wochen zu behalten. Wäre in diesem Jahr nicht alles etwas speziell: Das Azorenhoch schwächelt und der Jetstream beginnt bereits wieder zu zappeln. Der Startschuss für die Achterbahnfahrt ist gefallen und wir tun uns gut daran, den Kreislauf schon mal vorsorglich zu stärken. Interessant ist allemal, dass die Mittel- und Langfristkarten bereits Ende Juni das vorhergesehen haben, was in der kommenden Woche auf uns zukommt. So richtig glauben wollte es niemand – tja, der Siebenschläfer kann eben nicht in jedem Jahr richtig liegen…

Betrachten wir die aktuelle Grosswetterlage, so fällt uns die Verabschiedung des vor wenigen Tagen noch hochgelobten Azorenhochs auf. Stattdessen können wir die beginnende Austrogung vor den Küsten Westeuropas beobachten. Sie geht langsam vonstatten, sodass wir auf der Vorderseite in eine zwar nicht klassische (da zu kurze) Südwestlage geraten. Das ganze System bewegt sich derart langsam ostwärts, dass wir zur Wochenmitte in den „Genuss“ des Höhepunktes der Trogbildung genau über unseren Köpfen kommen.

20160710-blog2Zunächst dürfen wir uns jedoch der Zufuhr sehr warmer und zunehmend feuchter Luftmassen aus Südwest erfreuen. Der Hochdruckrücken ist am Sonntag noch zu stark, sodass Gewitter noch weitgehend unterdrückt werden. Einzig in den Alpen kann der Deckel durch lokale konvergente Windsysteme durchbrochen werden. Auf der Alpensüdseite und in Graubünden ist die Luft durch die Reste des Kaltfront-Streifschusses in der Nacht auf Samstag noch am feuchtesten, entsprechend liegt dort auch der Schwerpunkt der Gewitteraktivität am Sonntagabend.

Mit der Annäherung des Troges und des zunehmenden Höhenwinds im Lauf des Montags verstärkt sich die Südwestströmung und die Taupunkte steigen auf unangenehm schwüle 20 Grad oder lokal sogar leicht darüber. Da auch die mittleren Luftschichten zunehmend angefeuchtet werden, sind bereits in den Morgenstunden die typischen Anzeichen eines bevorstehenden Gewittertags auszumachen: Mittelhohe Wolkenfelder mit Türmchen, und es sollte nicht überraschen wenn hier und da eine nicht in den Karten vorhandene Morgenkonvektion in Gang käme. Das verspricht einmal mehr Spannung in der Frage, wann der Hauptakt am Nachmittag/Abend aufziehen wird. Am Feuchteangebot soll es schon mal nicht liegen, denn das ist enorm:

20160710-blog3Teilweise über 40 kg/m² niederschlagbares Wasser entlang der Juraschiene ist ein ungemütlicher Wert. Die Gefahr von Sturzfluten wird durch den Umstand gemindert, dass die Zuggeschwindigkeit der Zellen mit etwa 50-60 km/h derart hoch ist, dass so ein gewaltiger Wokenbruch nicht lange über einem Gebiet verharrt. Die starke Geschwindigkeitsscherung mit zunehmender Höhe birgt dafür anderes Potenzial: nämlich jenes für Hagel und Tornados. Vermutlich haben wir es diesbezüglich mit der gefährlichsten Lage der bisherigen Saison zu tun. Etwas langsamer ziehen die Zellen entlang der Voralpenschiene, doch auch hier ist mit heftigen Entwicklungen zu rechnen. Nach den aktuellen Unterlagen dürfte im Lauf des Abends aus Nordwesten bodennah etwas kühlere Luft einfliessen, sodass die Atmosphäre im Jura und im Mittelland auf die Nacht bereits stabilisiert wird. Dieser Nordwestwind ist aber in der Regel ein verstärkendes Element für die Gewitter an den Voralpen. Hier und in den Alpen ist somit noch während der Nacht auf Dienstag mit länger anhaltender Gewitteraktivität zu rechnen.

Am Dienstag hängt die Kaltfront an den Alpen fest:

20160710-blog4Die energiereichen Luftmassen südlich und östlich der Schweiz sorgen weiterhin für hohe Unwettergefahr, zumal auch der Jetstream wieder mal kräftig mitmischt:

20160710-blog5Diese Schlange direkt über unseren Köpfen möchten wir im Hochsommer eigentlich nicht sehen, das ist kein gutes Zeichen für den weiteren Verlauf. Aber bleiben wir doch bei der Aktualität: Man erkennt sehr gut die starke Divergenz (weisse Linien mit Pluszeichen im Zentrum) über Österreich und Tschechien, und gleich darunter liegen die energiereichsten Luftmassen, die durch das Auseinanderströmen des Höhenwinds regelrecht hochgesogen werden. Aus dieser Region werden Nachrichten über heftige Unwetter nicht ausbleiben. Am Alpennordhang der Schweiz hingegen stellt sich Dauerregen ein, der bis Mittwochmorgen anhält. Dabei sinken die Temperaturen markant. Ob man dies nach der schwülen Hitze als Erleichterung empfindet oder doch schon wieder einen Schock auslöst, ist stark vom persönlichen Empfinden abhängig.

Die Trogachse nähert sich nun allmählich von Westen an und erreicht uns wahrscheinlich im Lauf des Donnerstags:

20160710-blog6Minus 23 Grad in 500 hPa über plus 5 Grad in 850 hPa erinnern eher an April als an den Hochsommer. Entsprechend erwarten wir hier nicht mehr die heftigen Sommergewitter, sondern klassische Kaltluftgewitter, die durchaus mal kräftig ausfallen und kleinkörnigen Hagel mit sich führen können. Auch die Böen sind in der Nähe solcher Zellen nicht zu unterschätzen. Und ja, wir müssen uns auch mit der Schneefallgrenze befassen, denn wir haben ja Ferienzeit und die Alpen werden entsprechend besucht: Bis auf rund 1800 m kann die weisse Pracht zwischen Donnerstagmorgen und Freitagmorgen fallen. Gut möglich, dass der eine oder andere höher gelegene Alpenpass nicht mehr normal befahrbar sein wird und etliche „überraschte“ Berggänger gerettet werden müssen.

Ab Freitag befinden wir uns auf der Rückseite des Troges zwar noch unter Höhenkaltluft, der am Boden ansteigende Luftdruck sorgt allerdings für eine allmähliche Wetterberuhigung. Dies trifft nicht unbedingt auf den Wind zu: Starker Nordföhn südlich der Alpen und eine kräftige Bise im Mittelland vor allem nach Westen hin verhindern die rasche Rückkehr zum Sommerfeeling. Und wenn der Wind in der klaren Nacht zum Samstag dann endlich abstellt, wird es für Juli am Morgen empfindlich frisch sein. Bodenfrost in höheren Muldenlagen kann man nicht völlig ausschliessen.

Die Schlange auf der Jetstream-Karte lässt es erahnen: Mit der Temperaturkurve geht es bald danach wieder sehr steil nach oben. Nachhaltig ist das alles nicht, daran sollten wir uns in diesem Sommer gewöhnen…

Gewittervorschau 24.-30.06.2016

Einzelzelle, Deckelbrecher, Pioniergewitter, Hungerturm - ein paar Bezeichnungen für dieses optisch interessante Phänomen

Einzelzelle, Deckelbrecher, Pioniergewitter, Hungerturm – ein paar Bezeichnungen für dieses optisch interessante Phänomen

In den Beiträgen der letzten Wochen war mehrmals von der Umstellung von der Frühlings- zur Sommerzirkulation (meridional zu zonal) die Rede,  die sich im Juniverlauf mal einstellen sollte. Der erste Anlauf ging schief und bescherte uns noch mal sehr viel Regen und jetzt einen abrupten Wechsel von kühler zu heisser und sehr schwüler Witterung. Doch es gibt eine ungeschriebene Regel: So schnell die Hitze kommt, so schnell geht sie auch wieder. Es soll auch diesmal nicht anders sein und die oben erwähnte Umstellung der Zirkulationsform können wir in den nächsten Tagen lehrbuchhaft nachvollziehen. Doch zunächst dürfen wir uns mit den Begleiterscheinungen der Brechstangen-Hitzewelle auseinandersetzen: Abgesehen vom einen oder anderen Kreislauf-Purzelbaum sind vor allem die Gewitter am Freitag und Samstag interessant, deren Ergüsse auf immer noch völlig durchtränkte Böden und randvolle Seen treffen. Immerhin geht diesmal der Kelch eines weiteren Abtropftiefs an uns vorbei: Noch so eine nasse Geschichte ohne absehbares Ende hätte nach der ganzen Vorgeschichte leicht in eine grossräumigere Katastrophe münden können. So wie es sich jetzt anbahnt, bleiben ernsthafte Probleme wohl eher lokal begrenzt.

Die Grosswetterlage präsentiert uns aktuell ein Tief über den Britischen Inseln, das sich am Freitag zum Übertritt auf das europäische Festland anschickt (Ähnlichkeiten zum aktuellen politischen Geschehen sind rein zufällig):

20160623-blog2Eingezeichnet ist die meridional (nach dem Längengrad) ausgerichtete Trogachse, sie wird später noch mal ein Thema. Man erkennt die Schweiz unter einer südwestlichen Höhenströmung, die sich langsam von Westen her annähert. Der Gradient der Windstärke in rund 5000 m Höhe zwischen Ost und West wird für das Verhalten der Gewitter in der Nacht auf Samstag eine wichtige Rolle einnehmen. Über dem südlichen zentralen Mittelmeer ist übrigens das Abtropftief zu sehen, das uns vor Wochenfrist noch Sorgenfalten auf die Stirn geezeichnet hat. Gut, hat es sich dort unten still gehalten..

Über den Alpen hält sich seit Mittwoch ein Höhenrücken, der für Absinken und damit Abtrocknen der oberen und mittleren Luftschichten gesorgt hat. Bis zum Boden konnte sich dieser Effekt allerdings nicht durchsetzen, kein Wunder bei all der Feuchtigkeit die in den vergangenen Wochen bei uns abgelagert wurde. Die unterste, stark durchheizte Luftschicht nimmt diese Bodenfeuchte dankbar auf und wird durch beinahe Windstille nicht abtransportiert (bei niedrigerem Sonnenstand wäre das die perfekte Nebellage):

20160623-blog3Taupunkte ab etwa 16 Grad werden als schwül empfunden, ab 20 Grad wird es schon tropisch. Im Hochgebirge ist die Luft hingegen wie schon erwähnt sehr trocken, daher war gestern und heute die Alpensicht aus dem Mittelland trotz feuchter Grundschicht recht gut. An dieser Konstellation ändert sich am Freitag tagsüber vorerst nur wenig, denn noch immer wirkt der nur langsam nach Osten wegziehende Höhenrücken als Barriere. Der Druck der extrem energiereichen Luftmasse von unten ist allerdings enorm. So werden im Lauf des Nachmittags ähnliche Türme wie im Titelbild gezeigt entstehen: Verbreitet bleibt die Konvektion unter dem Deckel und breitet sich an diesem aus bzw. vertrocknet, doch an neuralgischen Stellen mit orographischer und Lokalwind-Unterstützung ist der Aufwind stark genug, um den Deckel zu durchbrechen. Resultat sind diese einzelnen Pioniergewitter, von mir gerne auch Hungertürme genannt, da sie einen sehr dünnen Aufwindschlauch aufweisen, an dessen Rändern das Nagen der trockenen Luft gut zu erkennen ist. Je mehr der Boden aufgeheizt wird, umso mehr von diesen Einzelzellen entstehen und feuchten die mittleren Luftschichten an, sodass die Hemmung allmählich abgebaut wird. Gegen Abend ist somit vor allem entlang des Juras und den Voralpen mit verbreiteter Auslöse zu rechnen. Aufgrund der schwachen Höhenströmung werden sich die Zellen aus den Voralpen heraus nur sehr langsam verlagern und bieten somit Gefahr von extremen Niederschlägen mit eher kleinkörnigem Hagel innert kurzer Zeit, was auf den völlig durchtränkten Böden in steilem Gelände rasch zu Erdrutschen und Sturzfluten führen kann. Am Jura hingegen verlagern sich die Zellen etwas rascher nach Nordosten, hier kann die Scherung möglicherweise für die Bildung von Superzellen ausreichen. Somit ist auch mit gefährlichen Sturmböen jeweils vor dem Eintreffen der eigentlichen Gewitter zu rechnen. Während also die Jurazellen bezüglich ihres Verhaltens relativ durchschaubar sein werden, dürfte die Entwicklung aus den Voralpen heraus recht chaotisch durch Kettenreaktionen ablaufen. Die Möglichkeit von Clusterbildungen, die im Lauf der Nacht Fahrt in Richtung Mittelland aufnehmen, ist durchaus gegeben. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass aufgrund der energiereichen Luftmassen (Hitze plus extreme Luftfeuchtigkeit) aussergewöhnlich blitzintensive Gewitter entstehen.

Am Samstagmorgen präsentiert sich die Lage dann so:

20160623-blog4Schwarz eingezeichnet sind Konvergenzlinien, wobei vor allem jene in der warmen Luftmasse (rot) sehr aktiv sein wird. Sie könnte womöglich noch längere Zeit über der Schweiz verharren. An der (blau eingezeichneten) Kaltfront erkennt man Verwellungstendenzen, da der Höhenwind frontenparallel verläuft und sich das ganze System nur sehr langsam nach Osten verlagert. Nach dem oben gezeigten Modell soll uns die Kaltfront am Samstagabend erreichen. Allerdings ist noch völlig unklar, wo und wie sich die Front verwellt und wie sich die Konvergenzlinien vorderseitig verhalten werden. Am besten rechnet man den ganzen Samstag über mit heftigen Gewittern, die jedoch wenig organisiert sein dürften. Die grösste Gefahr besteht immer noch in der Clusterbildung, wobei die Verlagerungsgeschwindigkeit nach Nordosten im Tagesverlauf allmählich zunimmt. Zwischen den Clustern können durch das Absinken der in den Clustern aufgestiegenen Luft durchaus grössere  niederschlagsfreie und sogar sonnige Gebiete entstehen, lokal und zeitlich leider nur sehr zeitnah prognostizierbar.

In der Nacht auf Sonntag sickert die Bodenkaltluft aus West-Nordwest seicht ein und unterbindet Konvektion aus der Grundschicht, allerdings können immer noch Gewitter in der darüber lagernden labilen und energiereichen Luft entstehen. Die am Sonntag nachrückende Konvergenzlinie liegt bereits gänzlich in der kühleren Luftmasse und wird daher keine Unwetter mehr bringen. Der eine oder andere blitzende Schauer kann aber noch dabei sein, abhängig davon wie nah uns die nach Norden abdrehende Höhenkaltluft noch kommen wird. Am Alpennordhang stellt sich Stauregen ein, der in der Nacht auf Montag abklingen dürfte.

Anders als in den vergangenen Wochen tropft der Trog nicht ab, sondern schwenkt am Montag nach Norden weg:

20160623-blog5Man sieht jetzt die Trogachse zonal (dem Breitengrad entlang) ausgerichtet. Zu verdanken haben wir dies der (endlich!) erstarkenden Westwinddrift. Hoffen wir, dass es dieses Mal nachhaltig sein wird und somit den seit drei Monaten währenden Kapriolen ein Ende gesetzt wird. Die daraus entstehende Westlage ist bei uns in der ersten Wochenhälfte antizyklonal geprägt. Mithilfe eines Azorenhochkeils wird die relativ kühle Atlantikluft über dem Festland rasch erwärmt, sodass sich angenehme Sommerwerte um 25 Grad herum einstellen. Dazu gibt es viel Sonnenschein mit zunächst leichter Schauer- und Gewitterneigung über den Bergen, die im Wochenverlauf allmählich zunimmt. Ob und wann sich in die Westströmung eingelagerte Fronten bei uns melden, ist derzeit noch nicht ausreichend genau vorherzusagen, dürfte aber für die nächste Gewittervorschau ein Thema werden.

Gewittervorschau 16.-23.06.2016

Grosswetterlage um den 16.06.2016: Trog Westeuropa

Grosswetterlage um den 16.06.2016: Trog Westeuropa

Vor einer Woche wurde an dieser Stelle beschrieben, wie die Druckschaukel über dem Atlantik allmählich wieder eine Westlage in Gang bringt und eine Umstellung von der Frühlings- zur Sommerzirkulation einleiten könnte. Der Konjunktiv war durchaus berechtigt, wie sich heute herausstellt, denn die Westlage entpuppte sich als Strohfeuer. Das Azorenhoch zieht sich in den nächsten Tagen wieder nach Westen zurück und zeigt uns die kalte Schulter, für Tröge und abtropfende Tiefs ist das Fenster über Westeuropa sperrangelweit geöffnet. Es ist eine Konstellation, die fatal an die Sommer 2012 und 2014 erinnert. Allerdings ist es meines Erachtens noch zu früh, wie andere prominente Wetterblogger bereits jetzt die Grabesrede für den Sommer anzustimmen. Noch steht uns der Siebenschläferzeitraum bevor, während dem sich in den meisten Jahren die Zirkulation noch mal grundlegend umstellt. Tatsächlich zeigen die Mittelfristkarten zum Monatswechsel eine Verlagerung des Jetstreams nach Norden. Ob genügend Fleisch an diesem Knochen hängt oder es sich lediglich um einen nicht selten von den Modellen gezeigten jahreszeitlichen Soll-Zustand handelt (von einigen gerne Sommermöhre genannt), darüber zu spekulieren wäre heute müssig.

Wenden wir uns lieber der aktuellen Situation zu. Typisch für den Frühling sind meridionale Lagen, bei denen grossräumig die warmen und kalten Luftmassen in Nord-Süd-Richtung einen Ausgleich zwischen den kalten Polargebieten und den warmen Tropen anstreben. Ist der Jetstream schwach, wird er dabei gewaltig verbogen und kann sehr weit nach Süden ausgreifen, so wie dies momentan der Fall ist:

20160616-blog2Solche Langwellen sind bezüglich ihrer Verlagerung in östlicher Richtung sehr träge und können längere Zeit über derselben Region verharren, während kurzwellige Ausschläge zügiger vorankommen und für rasche Wechsel der Wetterlagen sorgen. Speziell an der jetzigen Situation ist der Verlauf des Maximums direkt über die Alpen hinweg. Dort, wo der Jetstream einen Richtungswechsel vollzieht, fächert die Strömung in rund 9000 m Höhe auf (zu sehen an verschiedenen weissen Plus-Zeichen auf der Karte), bildet also Divergenzen. Strömt die Masse in der Höhe auseinander, muss Luft aus tieferen Schichten nachströmen, es ensteht dynamische Hebung, und diesem Fall grossräumig in Alpennähe. Hinzu kommt die durch das Gebirge orographisch erzwungene Hebung, was einem ungemütlichen Giftcocktail entspricht, zumal durch das Mittelmeer angefeuchtete, sehr warme und somit energiereiche Luftmassen im Spiel sind. Höhendivergenz und Über- sowie Umströmung eines Gebirges sind für Tiefdruckbildung am Boden zuständig, was dort wiederum Konvergenzen bildet und die Hebung weiter unterstützt. Das Ergebnis ist eine für die Jahreszeit aussergewöhnlich rasche Tiefdruckentwicklung auf der Alpennordseite, die mit der Höhenströmung rasch nach Nordosten weiterzieht und auch den Ländern des nördlichen und östlichen Mitteleuropa Unwetter beschert. Doch zurück in die Schweiz:

20160616-blog3Die oben geschilderten Prozesse sorgen für enorme Regenmengen in kurzer Zeit, dargestellt sind auf dieser Karte die prognostizierten Summen von 30 Stunden von Donnerstag 02:00 bis Freitag 08:00 MESZ. Auf der Alpensüdseite stellen solche Mengen in der Regel kein grösseres Problem dar, dennoch kann hier und da ein Bach hochgehen, wenn eingelagerte Gewitter für erhöhte Stundensummen sorgen. Mehr Sorge muss das Übergreifen auf die seit einem Monat ununterbrochen nasse Alpennordseite bereiten, hier können die Böden kaum noch Wasser aufnehmen und der Niederschlag gelangt in kürzester Zeit in den Abfluss. Zusammen mit der laufenden Schneeschmelze sorgt dies auch an grösseren Flüssen für Gefahr, wobei sich in letzter Zeit gezeigt hat, dass die Abflussmodelle vermutlich den Sättigungsgrad der Böden unterschätzen und die Abflussspitzen mitunter deutlich zu niedrig ansetzen.

Glücklicherweise verlagert sich der Feuchtefluss am Freitagmorgen nach Osten und verlässt die Schweiz. Auf der Rückseite fliesst aus Westen etwas energieärmere Luft nach, die allerdings immer noch feucht und labil genug ist, um weitere Schauer und Gewitter auszulösen. Mit extremen Entwicklungen ist nicht zu rechnen, dennoch ist jeder Regenguss auf die durchnässten Böden der potenzielle Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringen kann. Das Risiko lokaler Überflutungen und Erdrutsche bleibt somit noch bis weit in die nächste Woche hinein bestehen. Am Samstag erreicht uns aus Nordwesten die nächste Kaltfront (Grenze grün zu gelb):

20160616-blog4Das Einfliessen kühlerer Luft in Bodennähe sorgt vorübergehend für eine leichte Stabilisierung der Atmosphäre. Es kommt meist nur noch zu Schauern mit vereinzelten Blitzentladungen, Typ Aprilwetter mit sonnigen Abschnitten zwischendurch.

Am Sonntag drehen Höhen- und Bodenströmung auf nördliche Richtung, über der Westschweiz oder etwas westlich davon vollzieht sich der Abtropfprozess eines Höhentiefs vom nördlichen Trog:

20160616-blog5In der Höhenkaltluft entstehen neue Schauer und Gewitter vom Typ „Schwachstrom“. Mit der Nordströmung ist allerdings mit länger anhaltenden Stauniederschlägen am Alpennordhang zu rechnen, die – wie könnte es anders sein – im ohnehin schon triefenden Osten des Landes ergiebiger ausfallen dürften als weiter westlich.

Ab Montag verkommt die Lage zum Roulette: Das abgetropfte Tief eiert irgendwo südlich der Alpen herum. Waren die Modelle in den letzten Tagen auf eine extreme Tiefdruckbildung mit Vb-Zugbahn aus, welche den Alpen weitere extreme Niederschläge besorgt hätte, so geht der Trend momentan eher in die Richtung, dass sich das Tief relativ stationär und für uns weit südlich genug allmählich auffüllt. Doch es gibt einen Grundsatz in der Meteorologie der da lautet: Traue keinem Kaltlufttropfen! Der weitere Verlauf dieses eigenwilligen Gewächses ist völlig unmöglich vorherzusagen. Es gibt durchaus plausible Modellrechnungen, die das Tief früher (Dienstag/Mittwoch) oder später (Donnerstag/Freitag) wieder nach Norden ziehen lassen.

20160616-blog6Hier dargestellt ist eine Variante, bei der ein neuer Trog im Lauf des Donnerstags nach Westeuropa ausbricht und den verbleibenden Kaltlufttropfen über dem Mittelmeer einfängt. Auch wenn es von Montag bis Mittwoch im besten Fall mal eine etwas ruhigere Phase geben sollte, ist in der Folge mit neuen, womöglich ergiebigen Niederschlägen zu rechnen. In einer Woche wissen wir mehr…

Gewittervorschau 11.-16.06.2016

Der Silberstreifen am Horizont ist eben nur ein Streifen...

Der Silberstreifen am Horizont ist eben nur ein Streifen…

Heute Freitag bekommen wir wieder mal vorgeführt, weshalb das Wort „zwischen“ im Begriff Zwischenhoch eine wichtige Bedeutung hat. Kaum hat uns mal ein anständiger Schub trockener Luft vom Waschküchenwetter der vergangenen bald zwei Wochen befreit, steht das nächste Tief vor der Tür. Dabei hatten die Langfristaussichten Ende Mai für den Juni noch viel Hoffnung gemacht, dass in der meridionalen Zirkulation, wo der Westwind überhaupt nichts zu melden hat, sich nach einer längeren Tiefdruckphase eine ebensolche Hochdruckphase einstellen könnte. Nichts wird damit, denn genau zum Schlüsselmoment besinnt sich das Azorenhoch seines angestammten Platzes und prompt produziert der Nordatlantik wieder seine obligaten Tiefs. Was im Juni durchaus üblich ist, wenn die Umstellung von der Frühlings- zur Sommerzirkulation erfolgt. Statt Hochdruckwetter gibt es jetzt also vorerst eine Mini-Schafskälte und danach dürfen wir gespannt sein, ob das mit der Westwindzirkulation nur eine Eintagsfliege war oder ob sich bereits so etwas wie der Beginn des Siebenschläferzeitraums andeutet.

Schauen wir uns doch zunächst an, was die grossräumige Druckverteilung derzeit für Absichten hegt:

20160610-2Die Prognosekarte für den Sonntag zeigt uns, wie sich zwischen Azorenhoch und Nordatlantiktief die seit über zwei Monaten völlig lahmgelegte Westwindströmung aufbaut. Über Mitteleuropa ist noch der Rest des Barosumpfs der letzten zwei Wochen zu sehen, und die Frontalzone kann sich nun entscheiden, ob sie den Weg nach Norden oder Süden einschlagen möchte. Ersteres war lange Zeit in den Mittelfristkarten favorisiert und hätte uns eine angenehme antizyklonale Westlage beschert, in der uns die Fronten nur streifen und dazwischen ruhiges, nicht zu heisses Wetter beschert hätte. Stattdessen scheint sich nun die südlichere Variante durchzusetzen, gemeinhin auch bekannt als südliche Westlage und im Sommer bei uns gar nicht gerne gesehen. Doch dazu etwas später.

In der Nacht auf Samstag erreicht uns die Störungszone eines Tiefs, dessen Antrieb vor allem in den höheren Luftschichten (5000-9000 m) zu sehen ist. Am Boden ist nur eine schwache Konvergenzzone vorhanden. In der Luftmassenanalyse kann man keine klassischen Fronten ausmachen, und dennoch zieht am frühen Samstagmorgen eine ausgeprägte Linie durchs Land, in der auch Gewitter eingelagert sein können. Einzig die tageszeitliche Unpässlichkeit sorgt dafür, dass es hauptsächlich bei Regen bleibt. Dieser deckt die Schweiz allerdings nahezu flächendeckend ein, was aufgrund der Vorgeschichte und dem, was danach noch folgt, von Bedeutung sein könnte. Diese Regenzone verlässt uns am Vormittag rasch ostwärts, doch wir verbleiben auf der Vorderseite eines schwachen Bodentiefs über Nordfrankreich:

20160610-3Die blockierende Ostströmung eines Hochs über der Nordsee verhindert, dass das Tief zügig weiter nach Osten vorankommt. Somit wird am Samstag weiterhin recht energiereiche Luft aus Südwesten zu den Alpen geführt, wobei sich die Energie mehr in Feuchtigkeit als in Wärme manifestiert. Sobald sich also die Sonne durchsetzt, kann die Suppe erneut aufkochen und es kommt im Tagesverlauf zu Regengüssen und Gewittern. Die Voraussetzungen für heftige Entwicklungen sind allerdings nicht sehr günstig, und die mässige Höhenströmung ist immerhin dafür besorgt, dass sich die Zellen nicht wie zuletzt gehabt während Stunden über demselben Gebiet ausregnen, sondern weiterziehen. Trotzdem ist natürlich jeder Tropfen auf die durchnässten Böden zu viel, sodass es lokal doch erneut brenzlig werden kann. Erst durch die langsame Verlagerung des Hochs von der Nord- zur Ostsee im Verlauf des Sonntags kann das Tief mitziehen und wir gelangen ab Sonntagnachmittag auf die kühlere Rückseite. Damit nimmt die Gewitterneigung allmählich ab und es erfolgt ein Übergang zu gewöhnlichen Schauern.

Wer nun hofft, dass sich auf der Rückseite des Tiefs ein neues (Zwischen-)Hoch durchsetzt, wird enttäuscht werden. Denn die bereits oben erwähnte Tatsache, dass sich der Jetstream die südliche Route aussucht, lässt uns genau in die Zugbahn der nachfolgenden Randtiefs gelangen:

20160610-4Hier erkennt man schön, wie der nördliche Verlauf des Höhenwindes abgeschnitten wird und sich der südliche Ast durchsetzt. Für uns hat dies wechselhaftes, leicht unterkühltes Westwindwetter zur Folge. Die hier gezeigten 850er-Temperaturen bewegen sich zwar im saisonalen Normbereich, doch durch die hohe Feuchtigkeit ist der Tagesgang stark reduziert, das „Normale“ manifestiert sich folglich durch milde Nächte und mangels Sonnenschein kühle Tage. Nicht wirklich das, was wir gemeinhin unter Sommerwetter verstehen. Eher aprilartig zeigt sich von Montag bis Mittwoch das Wetter: Viele Wolken, kurze sonnige Abschnitte und dazwischen immer wieder Schauer, die gelegentlich auch mal Blitz und Donner mit sich führen, aber kaum dem für Juni zu erwartenden Höhepunkt der Gewittersaison entsprechen. Diese Lage trägt einzig dazu bei, dass die Böden nach wie vor nicht abtrocknen können, dabei wäre dies doch bei dem, was die erweiterte Mittelfrist zeigt, so wichtig…

Wagen wir nämlich einen Blick auf die zweite Wochenhälfte, so zeigt sich eine markante Luftmassengrenze quer über die Alpen hinweg:

20160610-5Je nach Modell und Lauf wird der Trog über Westeuropa oder das Tief über den Britischen Inseln etwas mehr oder weniger ausgeprägt gerechnet. Sicher ist, das uns die massive Warmluftzufuhr aus Süden verpasst. In Italien und auf dem Balkan sind erstmals in diesem Sommer Werte gegen 40 Grad möglich, je nach Verlauf der Front kann auch der Osten Österreichs die 35-Grad-Marke ritzen. Die Schweiz hingegen kommt höchstwahrscheinlich in den Einflussbereich des Tiefs zu liegen: Permanente Zufuhr feuchter Luftmassen aus Südwest, vielleicht mit etwas Föhneinfluss in der Ostschweiz, aber recht sicher hohen Niederschlagsraten im Süden und Westen des Landes. Was daraus genau werden soll, können wir in der Gewittervorschau der nächsten Woche behandeln.

 

Gewittervorschau 04.-09.06.2016

Waschküchenwetter von seiner besten Seite

Waschküchenwetter von seiner besten Seite

Bereits seit sieben Tagen bewegt es sich kaum von der Stelle, das Tief über Mitteleuropa. War zu Beginn der Woche das zugehörige Bodentief noch sehr ausgeprägt und hat durch seine Konvergenzzonen die verheerenden Sturzfluten in einigen Regionen Deutschlands und Österreichs verursacht, so füllt es sich nun langsam auf. Zurück bleibt ein schwach ausgeprägtes Höhentief mit Zentrum im Dreiländereck D/F/CH, das sich durch sämtliche Höhen zwischen 2000 und 9000 m erstreckt und daher die Niederschlagsgebiete langsam im Gegenuhrzeigersinn um sich drehen lässt. Am Boden hingegen sind die Druckdifferenzen inzwischen extrem schwach, sodass sich kaum noch Wind einstellt. Dieses Überraschungsei wird jeden Tag neu ausgebrütet und man wartet stets gespannt darauf, ob daraus ein Rotkehlchen oder doch ein Kuckuck schlüpft.

Denn die langsamen Verlagerungen des Höhentiefs – mal ein paar Kilometer nach Osten, dann wieder nach Westen – sind von den Wettermodellen kaum zu erfassen. Je näher man aber beim Zentrum liegt, umso mehr fallen diese kleinen Verlagerungen ins Gewicht, da sich vor Ort die Strömungsrichtung markant verändern kann.

Lage des Höhentiefkerns am Samstagmittag

Lage des Höhentiefkerns am Samstagmittag

Liegt der Tiefkern genau nördlich, herrschen in der Höhe Westwinde. Verschiebt er sich leicht nach Osten, dreht der Höhenwind auf Nordwest bis Nord. Verschiebt er sich ein wenig westwärts, herrscht plötzlich Südwestwind vor. Man kann sich vorstellen, dass zum Beispiel am Juranordfuss diese geringen Veränderungen grosse Auswirkungen haben können. Dazu kommen schwache eingelagerte Randtröge, die um das Tief herum kreisen und an denen sich Schauer und Gewitter verstärkt bilden können. Dieses Zusammenspiel der Unsicherheiten verunmöglicht genaue Prognosen. Wann und wo sich Gewitter bilden, wie stark sie sich entwickeln und in welche Richtung sie sich verlagern – wenn überhaupt – wird zur Lotterie.

20160604-3Die Luftmassenanalyse für Samstagmittag zeigt, dass nach wie vor energiereiche Luft aus Südosten um das Tief herum gewickelt wird und uns schlussendlich von Norden her erreicht. Dazwischen gibt es einen kleinen Einschub etwas kühlerer Atlantikluft aus Westen. Auch diese Differenzen sind kleinräumig und vereinfachen die Prognosen keineswegs. Klar ist einzig, dass die Luft stellenweise viel ausfällbares Wasser enthält. Die Scherung ist hingegen sehr schwach ausgeprägt. Dies begünstigt die Entwicklung von zahlreichen, wenig organisierten Schauer- und Gewitterzellen, die sich jedoch im Lauf der zweiten Tageshälfte zusammenballen können. Dadurch dass der Höhenwind schwach ist und sich die Zellen nur sehr langsam verlagern, kann es über längere Zeit intensiv über dem selben Gebiet schütten. Je nach Beschaffenheit der Topografie und der Abflüsse kann es zu lokalen Überflutungen kommen, nicht zuletzt deshalb weil wir seit Wochen wiederkehrende feuchte Perioden hatten und die Böden vielerorts gesättigt sind.

Ab Sonntag soll sich der Höhentiefkern nach den aktuellen Unterlagen langsam nach Westen verschieben und sich weiter auffüllen, somit nimmt sein direkter Einfluss auf unser Wetter allmählich ab. Die feuchte Luft bleibt jedoch bei uns liegen und wird durch den hohen Sonnenstand aufgeheizt. Schlussendlich ist es ein Nullsummenspiel: Der Tiefdruckeinfluss nimmt ab, im Gegenzug wird die Luft energiereicher. Die Folge davon ist, dass es zwar weiterhin tagtäglich Schauer und Gewitter gibt, doch dass deren Schwerpunkt etwas einfacher zu prognostizieren ist: Statt  überall scheinbar unmotiviert aufzuploppen, entstehen sie bevorzugt über dem Relief. Womit zumindest weite Teile des Flachlands in den nächsten Tagen in den Genuss von mehr Sonnenstunden und dem einen oder anderen gänzlich trockenen Tag kommen.

Was schon im Verlauf der letzten Woche hätte geschehen sollen, nimmt nun doch konkretere Formen an:

20160604-4Durch ein Hoch über dem nördlichen Mitteleuropa wird trockenere Luft aus Osten herangeführt. Diese erreicht die Schweiz allerdings knapp nicht, so zumindest die Interpretation obiger Karte für den Dienstag. Die Lage des Tiefrestes über Frankreich sorgt dafür, dass die Zufuhr feucht-warmer Luftmassen aus Südwesten zu den Alpen anhält. Die Luftmassengrenze soll sich knapp nördlich der Schweiz einrichten. Bei uns bleibt das Tagesgangwetter mit Schauern und Gewittern über den Bergen wahrscheinlich während der ganzen Woche erhalten. Da es für einen Luftmassenwechsel bei uns aber nur geringfügige Änderungen bei der Lage der Druckgebiete benötigt, ist das letzte Wort hierzu möglicherweise noch nicht gesprochen.

Gewittervorschau 27.05.-02.06.2016

Der anschauliche Kampf mit dem Deckel. Schafft sie's oder schafft sie's nicht?

Der anschauliche Kampf mit dem Deckel. Schafft sie’s, oder schafft sie’s nicht?

Nicht selten erreicht eine frühsommerlich schwüle Luftmasse Mitteleuropa um den Monatswechsel Mai/Juni und läutet damit die Hauptsaison der Gewitteraktivität ein. So auch in diesem Jahr. Die einleitende Grosswetterlage ist aus Sicht der Alpenländer Südwest antizykonal, auch wenn der DWD das völlig anders sieht und als Hauptakteur ein Hoch Nordmeer-Fennoskandien ausmachen will (zum Grosswettertyp Ost zugehörig), das jedoch auf uns und auch auf die südliche Hälfte Deutschlands keinerlei Einfluss hat. Wie auch immer: Seit Donnerstag fliesst mit südwestlicher Strömung allmählich wärmere und ab Freitagnacht auch feuchtere Luft nach Mitteleuropa, es wird also schon mal potenzielle Energie herangeführt. Ab Sonntag kommt dann aus Westen allmählich auch noch der Einfluss eines Höhentroges hinzu, der sich abschnürt und in der ersten Wochenhälfte als eigenständiges Höhentief bzw. Kaltlufttropfen Westeuropa unsicher macht. Entgegen früherer Berechnungen soll dieses Tief nicht mehr weiter östlich als bis zu unserer Westgrenze vorankommen, womit hoffentlich der Kelch eines neuerlichen Hochwassers an uns vorbeigehen möge…

Die Europakarte mit dem Strömungsmuster in rund 5500 m Höhe zeigt uns einen schönen Höhenrücken mit antizyklonal (im Uhrzeigersinn) gekrümmter Strömung über den Alpen:

20160527-blog2Dieser Höhenrücken sorgt vorerst noch für Absinken über den Alpen und hält uns den Tiefdruckkomplex über dem nahen Atlantik vom Hals, sodass der Freitag in den meisten Gebieten sonnig, sommerlich warm und trocken zu Ende geht. Die Sonneneinstrahlung ist derzeit dank nur spärlicher Cirren stärker als erwartet, was mit orographischer Unterstützung vielleicht doch hier und da gegen Abend für die Auslöse einzelner Gewitterzellen ausreicht. Man wird mit Spannung die einzelnen Quellwolkentürme beobachten können, ob sie sich in mittleren Höhen ausbreiten, austrocknen oder ob ihnen der Durchbruch gelingt. Das Mittags-Sounding von Payerne zeigt immer noch einen recht trockenen Bereich zwischen 4000 und 8000 m Höhe, doch dürfte diese Schicht im Lauf des Nachmittags aus Westen weiter angefeuchtet werden. Das GFS-Szenario mit verbreiteter Auslöse ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auf etwa 2 Grad zu hoch eingeschätzten Taupunkten sowie zu schwach berechneter Deckelung zurückzuführen, kann also gleich wieder vergessen werden. Nach Sonnenuntergang ist die Entwicklung neuer Zellen in der unmittelbaren Umgebung der Schweiz unwahrscheinlich, doch es gilt den Blick nach Westen zu richten:

20160527-blog3Die Situation in wenig über 3000 m Höhe zeigt uns in der Nacht einen kleinen Trog über Zentralfrankreich, der sich in der südwestlichen Höhenströmung allmählich auf den Jura zubewegt. In diesen Trog eingebettet ist ein Gewittercluster, der seinen Ursprung am Freitagabend über Südwestfrankreich hat:

20160527-blog4Dieser Cluster legt in der zweiten Nachthälfte den Weg bis zum Jura zurück und vereint sich mit einer weiteren Zelle aus Zentralfrankreich. Fragt sich nun, wie aktiv dieser Cluster in den frühen Morgenstunden am Samstag noch sein wird, wenn er dem Jura entlang zieht. Bei den Modellen meines Vertrauens liegt das Verhältnis 3:1, dass er noch Niederschlag bringt. Eines lässt ihn voll im Saft durchziehen, ein anderes will ihn in abgeschwächter Form nur noch etwas regnen lassen und als Krönung meint COSMO1, dass er sogar Neubildungen über dem Jura und dem Mittelland auslöst. Möglicherweise also nichts mit ausschlafen am Samstagmorgen…

Der Zustand zu Tagesbeginn ist für die weitere Entwicklung im Tagesverlauf entscheidend. Ziehen am Vormittag noch Niederschlage und dichte Wolken dieses Clusters durch, wird die Troposphäre etliche Stunden benötigen, um sich davon zu erholen. Sprich Himmel freiputzen, Sonneneinstrahlung ermöglichen, Boden aufheizen, Thermik in Gang setzen. In diesem Fall wird es bis zu neuen Entwicklungen wahrscheinlich bis in die Abendstunden dauern. Je früher die Sonne sich durchsetzt, umso schneller können sich neue Zellen bilden. Es ist also durchaus möglich, dass es in den Alpen und Voralpen am späten Nachmittag erste Zellen gibt. Wie zahlreich diese sein werden, ist wiederum vom Deckel abhängig, doch dieser ist aufgrund des langsam nach Osten verlagernden Höhenrückens nicht mehr so stabil wie noch am Freitag. Gehen wir vom etwas unwahrscheinlicheren Szenario aus, dass da am Morgen gar nichts ist, muss bereits am Mittag mit Auslöse im Jura gerechnet werden. Zu welchem Zeitpunkt auch immer es auslöst: Die südwestliche Höhenströmung nimmt im Tagesverlauf zu, während es am Boden schwachwindig bleibt. Das sind gute Voraussetzungen für heftige, langlebige Entwicklungen mit mittelgrossem Hagel und Sturmböen entlang der klassischen Jura- und Voralpenschiene. Eine schwache Südströmung über die Alpen sorgt zwar für föhnige Tendenzen, ist aber nicht in der Lage, die Luft in den Niederungen grossräumig auszutrocknen, ist also diesmal eher förderlich als hemmend einzustufen.

Die Gewitteraktivität kann durchaus die ganze Nacht hindurch dauern, je nachdem was aus Frankreich noch nachgeliefert wird. In diesem Punkt laufen die Modelle völlig auseinander, kein Wunder bei bereits für Samstagmorgen widersprüchlichen Rechnungen. Mit dem sinkenden Luftdruck nördlich der Alpen kann am Sonntagvormittag der Föhn etwas erstarken und möglicherweise der Ostschweiz einen sonnigen Start bescheren, allerdings besteht auch die Gefahr, dass Gewittercluster aus dem Tessin über den Alpenhauptkamm nach Nordosten übergreifen. Jedenfalls ist die Luftmasse am Sonntag immer noch energiegeladen, auch wenn die Sonneneinstrahlung wahrscheinlich stark gedämpft sein wird (Waschküchenwetter):

20160527-blog5Man sieht es der komplexen Verteilung von energiehaltiger (orange) und etwas energieärmerer (gelb-grün) Luft an, dass eine genaue Prognose für den Sonntag kaum möglich ist. Die gelben und grünen Flecken über der Schweiz und Bayern sind wahrscheinlich mehr Wirkung als Ursache, kühlt doch die Luft unter Gewittern aus bzw. verlagert sich die Energie mit dem Regen aus der Atmosphäre auf den Boden (die Flusskraftwerkbetreiber wird’s freuen). Es ist also völlig sinnlos, die Prognose eines zeitlichen und räumlichen Ablaufs erraten zu wollen. Die Gefahr geht bei schwachen, oft völlig chaotischen Windverhältnissen in mittleren Höhen von langsam ziehenden Zellen mit intensiven Niederschlägen aus, die aber kaum mehr als kleinkörnigen Hagel enthalten.

Durch die Verlagerung des Bodentiefs nach Norden am Montag wird mit kräftig auffrischendem Westwind kühlere Luft zur Alpennordseite geführt. Da sich das Höhentief aber nach derzeitigem Stand nur langsam annähern soll, wird die Atmosphäre vorübergehend etwas stabilisiert, die Gewittergefahr geht deutlich zurück. Kräftigere, teils gewittrig durchsetzte Niederschläge sind am ehesten noch in den Ostalpen und auf der Alpensüdseite zu erwarten, wo die bodennahe Warmluft nicht ausgeräumt wird.

Entscheidend für die Entwicklung am Dienstag und Mittwoch wird nun sein, ob sich das Höhentief tatsächlich über Frankreich einbremst und wir auf dessen Vorderseite verbleiben. Die GFS-Prognose zeigt den Zeitpunkt der grössten Annäherung des Höhentiefs am Dienstagmittag:

20160527-blog6Beim unbeständigen Wettercharakter mit gemässigten Temperaturen bleibt es auf alle Fälle, Schauer und Gewitter (eher schwächeren Typs) sind jederzeit möglich. Nach den aktuellen Unterlagen soll das erstarkende, durch sämtliche Schichten greifende Hoch über dem Nordmeer die Regie übernehmen und den verbleibenden Kaltlufttropfen von Frankreich allmählich zurück auf den Atlantik schubsen. In der Folge stellt sich über Mitteleuropa eine schwachgradientige Lage mit geringen Luftbewegungen ein. Bei sich allmählich durch den hohen Sonnenstand erwärmenden Luftmasse bleibt es bei Tagesgangwetter, wobei das Gewitterpotenzial zum Ende der Woche wieder zunehmen dürfte.

Gewittervorschau 22.-26.05.2016

20160520-blog1

Letztes Jahr war am 13. Mai Saisoneröffnung.

Man kann sich beinahe darauf verlassen: Nach den durchgestandenen Eisheiligen – ob mit oder ohne Eis – ist Mitte bis Ende Mai die Zeit gekommen, die Saison mit der ersten Gewittervorschau zu eröffnen. Auch in diesem Jahr erreichen uns die ersten energiereichen Luftmassen aus Südwest bis Süd pünktlich und lassen uns nach dem einen oder anderen gewittrigen Vorgeplänkel der letzten Wochen erstmals über ernsthaftes Unwetterpotenzial spekulieren. Spekulation deswegen, weil zur energiereichen Luftmasse noch ein paar Zutaten mehr gehören, und diese sind je nach Modell auch 60 Stunden vor dem Ereignis noch nicht restlos geklärt. Insbesondere der abtrocknende Einfluss des Föhns sowie das tageszeitliche Timing und die exakte Position der potenziellen Gewitterzone müssen noch abgewartet werden, doch wir wagen mal eine Prognose zum möglichen Ablauf.

Die Grosswetterlage hält uns für den Sonntag einen Trog über Westeuropa bereit – eine jener Wetterlagen, die in der Regel ein hohes Unwetterpotenzial für die Schweiz verspricht:

20160520-blog2Vorderseitig des Trogs bringt eine Südströmung sehr warme und vorerst noch trockene Luft, über den Alpen stellt sich eine klassische Südföhnlage ein. Die Höhenkaltluft liegt noch über Frankreich und nähert sich am Abend der Schweiz, gleichzeitig wird die Grundschicht in der Westschweiz vom Rhonetal her allmählich angefeuchtet, während aus Osten mit Bise und aus Süden mit Föhn noch trockene Luft herangeführt wird. Die konvergierenden Luftströmungen sollen sich am Sonntagabend genau über der Schweiz treffen:

20160520-blog3Die Prognose der Luftmassen zeigt ein typisches Leetief auf der Alpennordseite, das in eine lange Tiefdruckrinne zwischen der Nordsee und dem Mittelmeer eingebunden ist. Inmitten dieser Tiefdruckrinne und völlig innerhalb der energiereichsten Luftmasse bildet sich eine deutliche Konvergenzzone aus (schwarz), während die Kaltfront noch weit im Westen verweilt (blau):

20160520-blog4Damit wären die wichtigsten Zutaten (energiereiche Luft und Konvergenz = Hebung) schon mal gegeben. Auch die Labilitätsindizien sind eindeutig:

20160520-blog5Die Frage die sich bei solchen Wetterlagen immer stellt ist jene nach dem abtrocknenden Einfluss des Föhns und wie lange dieser anhält. Auch entstehen bei solchen Lagen typische trockene Schichten und Inversionen in verschiedenen Höhen, welche die Entwicklung hemmen. Sehr schön ist dies auf der CIN-Karte zu sehen (gelb bis grün = starke Hemmung, rot schwache Hemmung):

20160520-blog6Abgesehen davon, dass sich die Details bis Sonntag noch ändern werden, können wir von einer länger anhaltenden Hemmung der Konvektion ausgehen. Die Bodenkonvergenz ist jedoch derart stark, dass der Deckel mit Sicherheit durchbrochen wird und dann geht die Post richtig ab. Die steuernde Höhenströmung kommt aus südlicher Richtung, sodass bei Auslöse aus dem Jura die Schweiz abgesehen von den nordwestlichsten Regionen am Nachmittag noch kaum betroffen sein wird. Spannend wird es ab jenem Zeitpunkt, wo die Auslöse aus den westlichen und zentralen Voralpen sowie konvergenzbedingt über dem Mittelland erreicht wird. Denkbar ist eine Gewitterlinie, die nur langsam nach Osten vorankommt. Durch die nach Norden ziehenden Zellen werden immer wieder dieselben Gebiete getroffen, sodass sich auf einem relativ schmalen Band über ein paar Stunden hinweg beträchtliche Niederschlagsmengen aufsummieren können. Die genaue Position dieser Linie ist noch nicht mit Sicherheit festlegbar, doch sind bei solchen Wetterlagen Zugbahnen von den westlichen Voralpen über die Region Bern bis Basel beliebt, das Napfgebiet bildet oft über längere Zeit die östliche Grenze. Erst mit Nachlassen des Föhns im Lauf der Nacht kommen die Gewitter deutlicher nach Osten voran, bedingt durch die tageszeitliche Verschiebung ist allerdings mit einer allmählichen Abschwächung zu rechnen. Trüb und nass bleibt es noch den ganzen Montag, wobei Schnee einmal mehr bis etwa 1500 m fällt, lokal auch tiefer.

Wagen wir noch einen Blick auf die weitere Entwicklung:

20160520-blog7Am Dienstag aus Westen allmähliche Wetterbesserung. Am Mittwoch wahrscheinlich sonnig und deutlich wärmer, erste lokale Schauer und Gewitter über den Bergen im Lauf des Abends möglich. Ab Donnerstag mit Südwestströmung wieder Zufuhr warm-feuchter Luftmassen mit noch ungewissem Anteil an Tiefdruckeinfluss, sprich Neigung zu Gewittern. Das wäre dann das Thema der nächsten Gewittervorschau, die Grosswetterlage birgt jedenfalls einiges Potenzial.

Kälteeinbruch ab 24.04.2016

Grossräumige Verteilung der Luftmassen (Temperatur in rund 1400 m Höhe) und steuernde Druckgebilde am Montag, 25.04.2016

Grossräumige Verteilung der Luftmassen (Temperatur in rund 1400 m Höhe) und steuernde Druckgebilde am Montag, 25.04.2016

Den guten alten Mr. Murphy kennt wahrscheinlich jeder. Das Wetter als chaotisches System hält bestimmt wenig von seinem Gesetz, und trotzdem bahnt sich derzeit in der unglaublich aufgeheizten nördlichen Hemisphäre die unglaublich unwahrscheinliche Variante an, dass genau der kleine Rest kältester Polarluft, die irgendwo im Hohen Norden noch herumlungert, auf dem direktesten Weg nach Mitteleuropa findet. Dies wohlverstanden nach einem bisher sehr milden April, in dem die Natur weit fortgeschritten ist. Wenn die aktuellen Prognosen so eintreffen, dürften in Mitteleuropa einige Rekorde purzeln, die mindestens seit dem April 1991, womöglich aber sogar seit 1959 Bestand haben. Dies sowohl was die späteste Schneedecke in tiefen Lagen, als auch die tiefsten Temperaturen in einem letzten Aprildrittel betreffen. Aber schön der Reihe nach…

Über dem Nordatlantik baut sich in diesen Tagen ein umfangreiches, blockierendes Hochdruckgebiet auf. Gestützt wird es durch die warme Südströmung aus den Subtropen bis an die Westküste Grönlands auf der Vorderseite eines kalten Trogs über Ostkanada. An der Ostflanke des Hochs stellt sich eine markante Nordströmung ein, welche die noch vohandene Polarluft im Nordosten Grönlands anzapft:

Abweichung der aktuellen Lufttemperatur 2 m über Grund zur Klimanorm. Quelle: karstenhaustein.com

Abweichung der aktuellen Lufttemperatur 2 m über Grund zur Klimanorm. Quelle: karstenhaustein.com

Weite Teile der Arktis sind seit Monaten extrem warm, einzig im Bereich von Nordkanada bis Nordgrönland hat sich noch ein hartnäckiger Rest sehr kalter Luft halten können. Es gäbe viele Möglichkeiten und Wege, wie diese Arktikluft nach Süden ausbrechen könnte. Bei einem normal aktiven Atlantik würde diese Luftmasse zum Beispiel in einem weiten Bogen über den milden Atlantik geführt und Europa als gemässigte Polarluft aus Westen erreichen. Im April erreicht aber die Tiefdruckaktivität im Nordatlantik das im Jahresverlauf statistische Minimum. Nistet sich nun genau dort ein Hochdruckgebiet ein (und nicht etwa etwas weiter westlich oder östlich) nimmt die arktische Luftmasse den direkten Weg über das europäische Nordmeer und die Nordsee zu uns. Folgende Karte zeigt uns, dass der Atlantik an der Ostküste Grönlands derzeit noch vereist ist, und sich eine Zunge kalten Wassers östlich von Island nach Südosten erstreckt:

20160420-3Interessanterweise nimmt das Luftpaket, das am Montag in der Schweiz eintreffen soll, genau den Weg über das Gebiet mit den tiefsten Wassertemperaturen, und kann somit kaum erwärmt werden:

20160420-4Massgeblich für das, was bei uns am Montag am Boden eintrifft, ist die rote Spur. Sie liegt während des ganzen Wegs während einer Woche direkt auf Meereshöhe, könnte also theoretisch Energie vom Atlantik aufnehmen. Bei genauerem Hinschauen erkennt man aber, dass das Luftpaket beschleunigt und der Weg über die wärmere Nordsee in nur gerade 48 Stunden zurückgelegt wird. Die Karte mit den Wassertemperaturen zeigt uns, dass es keinen besseren als den prognostizierten Weg für die kalte Luftmasse gibt, um möglichst wenig Wärme vom Meer aufzunehmen. Auf der Temperaturkarte von Samstagabend erkennt man sehr gut, wie sich die Kaltluftzunge über das Nordmeer nach Süden voran arbeitet:

20160420-5 So viel also zu Murphys Gesetz. Wenden wir uns nun den Auswirkungen auf Mitteleuropa zu. Die Karte mit den Abweichungen der Lufttemperatur in 2 m Höhe gegenüber dem langjährigen Mittel für Montag zeigt ein schon lange nicht mehr gesehenes Bild:

20160420-6Im südlichen Mitteleuropa werden Abweichungen von 8 bis 12 Grad zur jahreszeitlichen Norm berechnet. Dargestellt sind auch die Windströmungen in rund 1400 m Höhe, was den Weg der kalten Luftmasse bis zu uns noch mal verdeutlicht.

Interessant ist auch die relative Einigkeit der Ensemble-Läufe betreffend dieses Kaltlufteinbruchs, was uns bereits vier bis fünf Tage vor dem Ereignis eine ziemlich gesicherte Prognose ermöglicht:

Ensemble-Prognosen für den Gitterpunkt im zentralen Schweizer Mittelland

Ensemble-Prognosen für den Gitterpunkt im zentralen Schweizer Mittelland

Demnach erreicht uns die kalte Luft in der Nacht auf Sonntag, die Schneefallgrenze sinkt hier bereits bis in tiefe Lagen (im Mittel um 600 m, bei intensivem Niederschlag wahrscheinlich tiefer). Bedingt durch den schon recht hohen Sonnenstand und diffuse Strahlung dürfte der Schnee am Montag tagsüber unterhalb von 600 m kaum liegenbleiben. Sollten die Niederschläge im Nordstau der Alpen aber noch bis weit in den Montagabend anhalten, ist eine dünne Schneedecke auch im Flachland nicht auszuschliessen. Nach jetzigem Fahrplan (der allerdings im Detail noch etwas ändern kann) erreicht uns in der Nacht auf Dienstag trockenere Luft, sodass es verbreitet aufklart. Also ist mit den tiefsten Temperaturen dieses Kälteeinbruchs am Dienstagmorgen zu rechnen. Empfindliche Fröste bis zu -5 Grad sind in windgeschützten Lagen des Flachlands durchaus im Bereich des Möglichen, in höheren Lagen sind auch zweistellige Minuswerte wahrscheinlich.

Wie die Ensemble-Kurven zeigen, erholt sich die Temperatur in der Folge nur langsam. Werte um die jahreszeitliche Norm sind wohl erst zum Wochenende bzw. Monatswechsel zu erwarten. Da diese Blockadelagen im Frühling eine hohe Erhaltungsneigung aufweisen, ist mit weiteren Kälterückfällen auch im Mai zu rechnen. Aufgrund des steigenden Sonnenstands sind derart extreme Werte wie jetzt gezeigt dann aber nicht mehr möglich.

Sturmvorschau 08.-14.02.2016

20160208-blog1Nach dem Föhnsturm vom Wochenende ist noch lange nicht genug: Auf der Westautobahn auf dem Atlantik ist in dieser Woche „freie Fahrt“ angesagt. Von Nordamerika erstreckt sich die Frontalzone schnurgerade über den Nordatlantik bis nach Mitteleuropa (siehe Titelbild). Dabei ist sehr gut zu erkennen, wie die extremen Temperaturgegensätze vor der amerikanischen Ostküste ständig neue Tiefs produzieren. Auf dem weiten Weg über das Wasser werden die Extreme dann stark abgemildert. Bei der polaren Luftmasse ist schön zu sehen, wie sie von anfänglich violett über pink ins blau wechselt, je weiter östlich sie vorankommt. Sie nimmt also vom Atlantik Wärme und Feuchte auf und kommt am Mittwoch als gemässigte Polarluft bei uns an. Zwei Tage Schnee bis in tiefe Lagen, doch nur kurz währt die Freude: Am Freitag gelangen wir wieder auf die milde Seite der Frontalzone und das Schneefallgrenzen-Jojo beginnt von neuem.

Heute Montag bestimmt ein Tief über der Nordsee unser Wetter. Am Nachmittag und Abend streift eine Kaltfront die Schweiz, dabei sorgt vor allem die Höhenkaltluft für etwas Turbulenz. Da sich gleichzeitig in den bodennahen Schichten sehr warme Luft aus Südwesten hält, ist die Labilität hoch. Es kommt zu kräftigen Regengüssen, die auch mal von Blitz und Donner begleitet sein können. In der ohnehin starken Südwestströmung sorgen diese Schauer für Sturmböen, die vor allem in der Nordschweiz und in exponierten Lagen des Mittellands und durch Kanalisierungseffekte am Jurasüdfuss 80 bis 90 km/h erreichen können. In der Nacht zum Dienstag wird es vorübergehend wieder ruhiger, bevor am Dienstag tagsüber ein Randtief nördlich von uns den Druckgradienten erneut verschärft:

20160208-blog2Die Entwicklung des Randtiefs, das mit seinem Kern entlang der belgisch-französischen Grenze nach Deutschland ziehen soll, wird von den Modellen noch sehr unterschiedlich berechnet. Die oben gezeigte Karte von GFS zeigt die progressivste Variante mit einem Kerndruck von 975 hPa, andere Modelle sehen „nur“ 982 hPa oder lassen den Kern weiter nördlich ziehen. Entsprechend sind auch die berechneten Druckdifferenzen zum Alpennordrand unterschiedlich, was sich auf das Sturmfeld bei uns auswirkt. Wenn wir von der stärksten Variante ausgehen, muss mit schweren Sturmböen von 90 bis 100 km/h gerechnet werden. Dies betrifft vor allem die Nordschweiz und den Jura, aber auch das Rheintal bis zum östlichen Bodensee, wo sich um die Mittagszeit vor der Kaltfront noch mal ein kräftiger Föhnstoss durchsetzt. In den übrigen Föhntälern sowie im Mittelland bleibt es wahrscheinlich bei Sturmböen um 75 bis 90 km/h. Auf den Voralpengipfeln wie etwa dem Säntis sind Böen bis 160 km/h möglich.

Am späten Dienstagabend sinkt die Schneefallgrenze mit der Kaltfront allmählich in tiefe Lagen. Am Mittwoch erreicht uns auf der Rückseite des Tiefs markante Höhenkaltluft:

20160208-blog3Der Wind bleibt allerdings unterhalb von 3000 m auf West, sodass sich die Stauniederschläge am Alpennordhang in Grenzen halten. Im Flachland ist immer wieder mit kräftigen Schneeschauern zu rechnen, bei knapp positiven Temperaturen tagsüber bleibt die weisse Pracht allerdings nur kurz liegen. In der Nacht zum Donnerstag kann  es aufklaren, sodass es wieder mal für verbreiteten Frost reicht. Am Donnerstag selbst ziehen nur schwache Störungen durch, sie können gelegentlich für leichtes Geflöckel sorgen.

Das nächste Tief nähert sich uns am Freitag, wobei auch hier auf vier Tage hinaus Zugbahn und Intensität noch ändern können. Nach aktuellem Stand bringt zunächst die Warmfront Schnee bis in tiefe Lagen, dann allerdings steigt die Schneefallgrenze bei stark auffrischendem Südwestwind an der Alpennordseite auf etwa 1000 Meter, während es inneralpin wahrscheinlich bei Schneefall bis in die Tallagen bleibt. In der Nacht zum Samstag kann es durchaus auch im Flachland wieder zu Sturmböen kommen:

20160208-blog4Möglicherweise – dies ist aber bei einer solch dynamischen Wetterlage schon ziemliche Spekulation – folgt in der Nacht auf Sonntag das nächste Sturmtief mit einem noch ausgeprägteren Warmsektor, dann wäre auch inneralpin wieder mal Vollwaschgang bis auf etwa 1500 m Höhe angesagt. Danach zeigen die Modelle ein Aufsteilen des Azorenhochs, was die Westautobahn auf dem Atlantik für einige Zeit sperren dürfte. Die genauen Auswirkungen auf die Grosswetterlage in Europa sind allerdings noch unklar: Sowohl eine Trogsituation mit Polarluft direkt aus Norden ist möglich, aber auch die Etablierung eines kräftigen Hochs, das uns für einige Zeit etwas Ruhe bescheren könnte. Nur eines sollte klar sein: Der Kampf zwischen Winter und Frühling ist noch lange nicht beendet.