Gewittervorschau 04.-11.08.2016

Typisches Wolkenbild, wenn eine Druckwelle dem eigentlichen Gewitter weit voraus eilt

Typisches Wolkenbild, wenn eine Druckwelle der Gewitterfront weit voraus eilt

Täglich grüsst das Murmeltier. Oder zumindest alle fünf Tage. Das ist im Moment der Rhythmus, in dem der Jetstream tanzt. Und so stehen wir heute in einer ähnlichen Situation wie vergangenen Samstag, und nächsten Dienstag dürfte es wieder so weit sein. Der Jetstream mäandert über Westeuropa nach Süden, wir gelangen kurz in eine heisse Trogvorderseite, dann rauscht die Kaltfront mit Getöse durch, es ist ein paar Tage kühl (mal mehr, mal weniger), ein Zwischenhoch baut sich auf, es wird sehr warm… und das Spiel kann von vorne beginnen. Hochsommer 2016 eben. Für alle etwas dabei, Langeweile kommt in den Wetterstudios nie auf und es gibt doch immer wieder einen oder zwei Tage Verschnaufpause. Perfekte work-live-Balance für jene Meteorologen, die eigentlich immer im Dienst sind. Weil Wetter immer stattfindet, auch wenn man frei hat…

Die heutige Situation in rund 9 km Höhe ist uns aus diesem Sommer bereits bestens bekannt:

20160804-blog2Kräftige Westströmung über dem Atlantik, die nicht so richtig weiss wo sie hin soll, wenn sie den europäischen Kontinent erreicht. Also weicht sie zunächst nach Süden aus, um sich dann doch noch anders zu besinnen und wieder scharf nach Norden abzubiegen. Das ist der Stoff, aus dem Tröge und Abtropftiefs geschneidert werden. Diesen Hochsommer in einer Regelmässigkeit, dass man nach ihnen die Uhr stellen könnte.

Die Situation heute Donnerstag ist wieder mal hochgradig spannend, denn auch wenn sich die Muster jeweils sehr ähneln, können die Abläufe am Boden abhängig von tageszeitlichen und geographischen Einflüssen recht unterschiedlich sein. Heute haben wir ein Lehrbuch-Beispiel für Kaltfrontdurchgang mit vorauseilender Druckwelle. Der Vertikalschnitt von Nordwest nach Südost für heute Abend zeigt all die spannenden Prozesse, die dabei ablaufen:

Legende (weiss): B = Burgunder Pforte, J = Jura, M = Mittelland, N = Napfgebiet, V = Voralpen, A = Alpenhauptkamm, S = Südseite

Legende (weiss): B = Burgunder Pforte, J = Jura, M = Mittelland, N = Napfgebiet, V = Voralpen, A = Alpenhauptkamm, S = Südseite

Dargestellt sind hier die Vertikalbewegungen des Windes. Die Pfeile zeigen auf- und absteigende Windpakete, die Farbe deren Geschwindigkeit (rot negativ = aufsteigend, blau positiv = absinkend). Die Position der Kaltfront wurde blau eingezeichnet. An deren Stirn sieht man die heftigste Hebung, dort werden die stärksten Niederschläge auftreten. Noch deutlich vor der Kaltfront ist am Jurasüdfuss ein absteigendes Luftpaket zu erkennen, das auf einen Joran-Sturm hinweist. Diese Böenfront wird im Lauf des Abends durch das Mittelland rauschen und dann auch wieder an den Taleingängen der Alpentälern für Sturm sorgen. Diese Druckwelle erzwingt Hebung an den Voralpen, doch sieht man darüber auch noch den Rest eines Deckels, der tagsüber die Gewitterhemmung (CIN) recht lange aufrecht erhält. Am Alpensüdhang ist starke Thermik erkennbar, dort werden auch die ersten präfrontalen Gewitter bereits am späten Nachmittag entstehen. Anhand dieses Bildes noch ziemlich unsicher ist, ob vom Napfgebiet und vom Schwarzenburgerland aus präfrontal Zellen entstehen können, die mit dem Südwestwind ins Mittelland hinaus ziehen. Hier wird noch vorhandene CIN das Zünglein an der Waage spielen, aber eventuell auch mangelnde Feuchtigkeit (die präfrontale Luftmasse ist relativ trocken, nicht zuletzt dank schwachen Föhneinflusses).

Der eigentliche Kaltfrontdurchgang erfolgt erst in den späten Abendstunden und wird sich in erster Linie durch sehr starken Regen bemerkbar machen, in den Gewitter eingelagert sind. Für alle Gewitterfotografen keine gute Nachricht, da die Blitze vom Regenvorhang verschluckt werden. Die Befriedigung nach spektakulären Aufnahmen interessanter Strukturen steht und fällt also mit den unsicheren präfrontalen Gewittern. Für den Normal-Wetterkonsument bedeutet die heutige Lage, rechtzeitig alles zu befestigen oder in Sicherheit zu bringen, was bei stürmischen Windböen Schaden nehmen könnte.

Der Freitag bringt typisches Rückseitenwetter: Am Alpennordhang noch länger bewölkt und nass, im Mittelland erste Aufhellungen mit Schauern, die zum Abend hin kontinuierlich weniger werden. Am Samstag schützt uns ein sich aufbauender Keil des Azorenhochs vor weiteren Trogschauern, die wahrscheinlich östlich der Schweiz aktiv sein werden.

Besagtes Hoch wird am Sonntag und Montag voll wetterwirksam. Zwei sonnige und trockene Tage, dank Bise noch mässig temperiert.

Und dann wären wir beim nächsten Ausfallschritt des Jetstreams. Am Dienstagabend steht eine weitere Kaltfront vor der Tür:

20160804-blog4Ob diese Kaltfront bereits am Dienstagabend bei uns Gewitter bringt oder ob es noch bis Mittwoch warten kann, darüber sind sich die Modelle noch nicht einig. Der gezeigte GFS-Hauptlauf ist da mit der Randtiefentwicklung über der Nordsee sehr progressiv und steht im Ensemble fast alleine da, was sich an den Niederschlagskurven am Boden der Grafik ablesen lässt:

20160804-blog5Entsprechend zeigen auch die Temperaturkurven zerstreut zwischen Dienstagabend und Mittwochabend deutliche Neigungen in herbstliche Tiefen. Solch massive Kaltfronten gegen Mitte August hin bedeuten in der Regel das Ende des Hochsommers (nicht des Sommers an sich, diese Hoffnung lassen wir uns so schnell nicht nehmen!). Nach den heutigen Unterlagen dürfte der Tiefpunkt in der Nacht von Donnerstag auf Freitag mit einer Schneefallgrenze um 1500 m oder sogar etwas tiefer erreicht werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.